Über meine Mutter, mein letztes Event und die Frage, warum ich nicht weine
Es gibt Sätze, die setzen sich fest, lange bevor man versteht, wie sehr sie das eigene Leben prägen werden.
Ich war zehn oder elf Jahre alt, auf einer Familienfeier, als ein Hund meiner Mutter in den Arm biss. Es war keine kleine Schramme. Das Blut lief deutlich sichtbar, die Erwachsenen waren aufgeregt, Stimmen wurden laut, jemand rief nach Eis, jemand nach einem Arzt. In diesem Chaos stand meine Mutter im Gästebad, ein Handtuch fest um den Arm gewickelt, ruhig, fast sachlich.
Ich war völlig aufgelöst und fragte sie, warum sie nicht weine. Sie sah mich an und sagte: „Ach Lisi, was würde das denn jetzt ändern?“
Dieser Satz ist geblieben. Er war nicht kalt gemeint. Er war pragmatisch. Weinen stoppt kein Blut. Weinen ändert nichts am Biss. Also blieb sie ruhig. Und ich glaube, ich habe sehr früh gelernt, dass Ruhe Kontrolle bedeutet. Und Kontrolle Sicherheit.
Ich habe nie viel geweint.
Auch nicht, als bei mir eine AV-Malformation diagnostiziert wurde und niemand sicher sagen konnte, wie das ausgeht. Nicht, als in der Diagnostik ernsthaft der Verdacht auf einen Tumor im Raum stand. Nicht, als später ME/CFS und POTS hinzukamen und aus einzelnen Baustellen ein komplexes Systemproblem wurde.
Ich habe recherchiert, organisiert, Befunde gelesen, Zweitmeinungen eingeholt. Ich war wach, analytisch, klar. Aber ich habe nicht geweint. Und irgendwann begann ich mich zu fragen, ob mit mir etwas nicht stimmt.
Zwei Tränen nach meinem letzten großen Event
Der Moment, der mir das besonders deutlich gemacht hat, war meine letzte große Veranstaltung.
Ich hatte sie geplant, strukturiert, verantwortet – wie ich es jahrelang getan habe. Bühne, Ablauf, Timing, Abstimmungen, Krisenmanagement im Hintergrund. Das ist mein Terrain. Ich weiß, wie man liefert. Auch wenn es innen schon wackelt.
Die Veranstaltung lief gut. Professionell, kontrolliert, souverän. Niemand hatte gesehen, wie viel Kraft es mich gekostet hat, diesen Tag durchzustehen. Niemand hätte gespürt, dass mein Körper längst nicht mehr der war, der solche Tage selbstverständlich trägt.
Nach dem Abbau saß ich neben René im Auto auf dem Heimweg.
Ich war nicht einfach nur müde. Ich war erschöpft im eigentlichen, medizinischen Sinn des Wortes. Leer. Ausgebrannt. Als hätte jemand den Stecker gezogen. Und dann liefen mir zwei Tränen über die Wangen. Zwei. Keine Schluchzer. Kein Zusammenbruch. Kein dramatisches „Jetzt bricht alles raus“. Nur zwei Tränen, die ich nicht einmal aktiv herbeigeführt hatte. Sie kamen einfach. Und dann war es vorbei.
Damals dachte ich: Das war’s? Das soll all das sein, was in mir ist? Heute sehe ich es differenzierter.
Vielleicht ist Nicht-Weinen nicht immer emotionale Kälte
Wenn ich mein neurobiologisches Profil danebenlege, ergibt dieses Bild für mich zumindest eine mögliche Logik.
Meine Laborwerte aus der neurochemischen Diagnostik zeigen seit längerer Zeit ein auffälliges Muster: Dopamin, Serotonin, Noradrenalin und Adrenalin waren erniedrigt. GABA im Urin war erhöht, Glutamat hoch-normal, Taurin erniedrigt. Solche Werte bilden nicht eins zu eins ab, was im Gehirn passiert. Das ist wichtig. Aber sie können ein Puzzleteil sein, wenn man versucht zu verstehen, warum ein System emotional viel wahrnimmt, körperlich aber kaum noch in Ausdruck kommt.
Dazu kommt bei mir der Befund einer Kryptopyrrolurie/HPU – ein Konzept, das medizinisch nicht überall gleich anerkannt ist, in meinem Fall aber als möglicher Hinweis auf funktionelle Verluste von B6, Zink und Mangan eingeordnet wurde. Genau diese Mikronährstoffe spielen bei vielen enzymatischen Prozessen eine Rolle, auch im Kontext des Neurotransmitterstoffwechsels.
Mein Cortisolprofil zeigt außerdem keinen dramatischen Peak, sondern einen zu schnellen Abfall im Tagesverlauf. Für mich fühlt sich das nicht nach überschießendem Stress an, sondern nach einem erschöpften System.
Weinen ist kein Charaktertest
Weinen ist kein moralischer Akt. Und es ist auch kein Zeichen von Charakter. Es ist ein komplexer physiologischer Prozess. Emotionale Reaktionen hängen unter anderem mit Botenstoffen wie Dopamin, Serotonin und Noradrenalin zusammen, mit Stresshormonen, mit GABA- und Glutamat-Balance und mit dem autonomen Nervensystem.
Wenn diese Systeme dysreguliert sind, kann es sein, dass Emotion zwar kognitiv sehr klar erfasst wird, aber körperlich nur gedämpft nach außen kommt.
Man versteht, dass etwas bedrohlich oder traurig ist. Man weiß, dass eine Diagnose lebensverändernd ist. Man kann den Verlust benennen, die Angst analysieren, die Konsequenzen erfassen.
Aber der Körper bleibt still. Fast wie unter einer Glasglocke. Nicht, weil nichts da ist. Sondern möglicherweise, weil das System körperlich kaum noch Spielraum für starke emotionale Ausschläge hat.
Ein Körper im Energiesparmodus explodiert nicht unbedingt
Hinzu kommt die autonome Dysregulation durch POTS und ME/CFS. Ein Körper, der permanent damit beschäftigt ist, Blutdruck, Herzfrequenz, Kreislauf und Energiehaushalt halbwegs stabil zu halten, priorisiert Überleben. Intensive emotionale Prozesse sind energetisch teuer.
Ein Nervensystem im Energiesparmodus entscheidet sich nicht unbedingt für Explosion. Manchmal entscheidet es sich für Dämpfung. Für Funktionieren. Für Shutdown. Für Kontrolle. In diesem Licht betrachtet wirken zwei Tränen nach einem maximal fordernden Event nicht mehr wie ein Defizit. Vielleicht waren sie das Maximum dessen, was mein System in diesem Moment noch leisten konnte.
„Was würde das jetzt ändern?“
Und dennoch bleibt die Prägung. „Was würde das jetzt ändern?“ Dieser Satz hat sich tief verankert. In akuten Krisen stimmt er sogar. Weinen ändert keine Diagnose. Es stoppt keine Blutung. Es entfernt keine Fehlbildung. Es macht ein krankes System nicht gesund.
Aber langfristig ist die Frage zu kurz gedacht.
Weinen ändert vielleicht nicht die äußere Situation. Aber es kann innere Spannung regulieren. Es kann Druck abbauen, den das autonome Nervensystem sonst still weiterträgt. Es kann ein Zeichen dafür sein, dass etwas durchkommt, was sonst weggeschoben, wegrationalisiert oder übersteuert wird.
Vielleicht habe ich gelernt, dass Funktionieren sicherer ist als Fühlen. Vielleicht hat mein Nervensystem diese Strategie durch ME/CFS, POTS und die neurochemischen Verschiebungen noch verstärkt. Vielleicht ist es eine Mischung aus Persönlichkeit, Prägung und Pathophysiologie.
Wahrscheinlich ist es genau das: eine Mischung.
Die eigentliche Frage ist nicht mehr, warum ich nicht weine
Die eigentliche Frage ist deshalb nicht mehr: Warum weine ich nicht?
Sondern: Bedeutet Nicht-Weinen automatisch, dass ich nicht fühle? Oder dass ich kaputt bin?
Wenn ich ehrlich bin, fühle ich sehr viel. Ich fühle die Konsequenzen jeder Diagnose. Ich fühle den Verlust von Selbstverständlichkeit. Ich fühle die Verschiebung meiner Identität von „die, die alles stemmt“ zu „die, die haushalten muss“. Ich fühle Angst. Frustration. Trauer. Wut. Manchmal auch Trotz. Nur äußert sich das selten in Tränen.
Vielleicht sind diese zwei Tränen im Auto kein Beweis für emotionale Leere gewesen. Vielleicht waren sie ein leises Signal eines überforderten Systems. Ein kurzer Moment, in dem die Kontrolle nicht komplett dichtgehalten hat. Wiei ein leises Flüstern.
Zwei Tränen sind nicht zu wenig
Und vielleicht ist die ehrlichste Antwort auf die Frage „Was würde es jetzt ändern?“ heute eine andere als mit elf Jahren. Es würde vielleicht nicht die Diagnose ändern. Es würde nicht die AV-Malformation entfernen. Es würde ME/CFS nicht heilbar machen. Es würde POTS nicht abschalten.
Aber es könnte mir erlauben, nicht ausschließlich im Funktionsmodus zu leben. Ob ich irgendwann wieder mehr weinen werde, weiß ich nicht. Aber ich beginne zu akzeptieren, dass mit mir nicht automatisch etwas kaputt ist, nur weil ich Krisen nicht laut begleite. Manche Menschen schreien. Manche fallen. Manche analysieren. Manche tragen still.
Und manchmal sind zwei Tränen kein „zu wenig“, sondern alles, was ein komplett fertiger Körper in diesem Moment geben kann.

