{"id":5013,"date":"2026-09-07T17:59:12","date_gmt":"2026-09-07T16:59:12","guid":{"rendered":"https:\/\/under-a-rest.me\/?p=5013"},"modified":"2026-09-07T18:41:27","modified_gmt":"2026-09-07T17:41:27","slug":"was-eine-wahl-in-einemausloesen-kann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/under-a-rest.me\/en\/was-eine-wahl-in-einemausloesen-kann\/","title":{"rendered":"Was eine Wahl in einem ausl\u00f6sen kann"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Ein pers\u00f6nlicher Blick auf Heimat, Erinnerung, Familie und die Frage, ob man bleibt oder geht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ich gestern die Wahlergebnisse aus Sachsen-Anhalt gesehen habe, dachte ich nicht zuerst an Parteien.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich dachte an meine Kindheit. Ich dachte an Merseburg. An meine Jugend. An Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin. An Musik, Freundschaften und die politischen Diskussionen, die damals oft viel gr\u00f6\u00dfer waren, als sie f\u00fcr einen Jugendlichen eigentlich sein sollten. Und ich dachte an meinen Gro\u00dfonkel.<br>Ich bin Ende der 80er-Jahre geboren. Geb\u00fcrtig komme ich aus Mecklenburg-Vorpommern, doch bereits als kleines Kind zog ich mit meiner Familie nach Merseburg. Dort bin ich aufgewachsen \u2013 bis ich mit 18 Jahren Sachsen-Anhalt verlassen habe.<br>Wenn ich heute auf diese Zeit zur\u00fcckblicke, erinnere ich mich an eine Welt, die sich h\u00e4ufig sehr schwarz und wei\u00df angef\u00fchlt hat.<br>Links oder rechts.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dazwischen gab es wenig. Das betraf nicht nur Politik. Auch Musik, Kleidung und Freundeskreise waren damals h\u00e4ufig eine Frage der Zugeh\u00f6rigkeit. Ob Hip-Hop, Punk, Metal oder Indie \u2013 irgendwann wusste man, zu welcher Szene man geh\u00f6rte. Und damit schien oft auch klar zu sein, auf welcher politischen Seite man stand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neutralit\u00e4t war schwierig. Schon fr\u00fch wurde mir zu Hause ein Satz mitgegeben, der sich bis heute in meinem Kopf festgesetzt hat:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u201eWenn du mal rechts wirst, fliegst du hier raus.\u201c<\/strong> Damals habe ich diesen Satz einfach angenommen. Heute denke ich anders dar\u00fcber. Denn genau an diesem Punkt beginnt f\u00fcr mich die Frage, die mich seit der Wahl besch\u00e4ftigt:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was bedeutet politische Haltung eigentlich, wenn sie pl\u00f6tzlich die eigene Familie betrifft?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Der Moment, der mir eine Haltung gegeben hat<\/h6>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit ungef\u00e4hr 14 Jahren gab es einen Moment, der meine politische Haltung nachhaltig gepr\u00e4gt hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich war mit Freunden im Computerclub &#8222;Wecker&#8220; ;-). Dort erz\u00e4hlte <strong>Peter Gingold<\/strong>, ein j\u00fcdischer Widerstandsk\u00e4mpfer und \u00dcberlebender der NS-Verfolgung, von seinen Erfahrungen. Ich wei\u00df noch heute, wie sehr mich das getroffen hat. Pl\u00f6tzlich war Geschichte nicht mehr etwas aus einem Schulbuch. Es waren Menschen.  Es waren Schicksale. Es waren Familien, die auseinandergerissen wurden. Menschen, die verfolgt, eingesperrt und ermordet wurden. Menschen, die ihre Freiheit verloren, weil andere entschieden hatten, dass sie weniger wert seien. F\u00fcr mich war das ein Wendepunkt. Ich habe mir damals geschworen, dass ich niemals in einer Gesellschaft leben m\u00f6chte, in der so etwas wieder m\u00f6glich wird. Dieser Gedanke ist geblieben. Und er hat mich durch meine Jugend begleitet.<\/p>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Mein Gro\u00dfonkel<\/h6>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Noch st\u00e4rker als jeder politische Unterricht hat mich allerdings eine Person gepr\u00e4gt: mein Gro\u00dfonkel. Er lebte in Hamburg und war f\u00fcr mich nicht einfach nur ein Verwandter. Er war Vorbild, Ratgeber und jemand, der mir gezeigt hat, dass man aus seinem Leben mehr machen kann, als einfach nur jeden Tag zur Arbeit zu gehen und irgendwie durchzukommen. Er hatte selbst eine Geschichte, die mich beeindruckt hat. Nach dem Krieg, l\u00f6ste er sich von seiner Familie  und  begann in Hamburg ein neues Leben. Er war in der Studentenbewegung aktiv, engagierte sich f\u00fcr Freiheit und Demokratie und war auch gewerkschaftlich in der IG Metall aktiv. Seine Generation hatte erlebt, was passiert, wenn Freiheit keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit mehr ist. Er hat mir immer wieder vermittelt, dass viele Dinge, die f\u00fcr mich selbstverst\u00e4ndlich waren, von anderen Menschen hart erk\u00e4mpft wurden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mitbestimmung. Freiheit. Soziale Rechte. Demokratie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und vielleicht vor allem die M\u00f6glichkeit, <strong>selbst dar\u00fcber zu entscheiden, was aus dem eigenen Leben werden soll.<\/strong> Er wollte nie, dass ich einfach nur eine Arbeitsbiene werde. Er wollte, dass ich meinen eigenen Weg gehe. Dass ich neugierig bleibe.  Dass ich mich einmische. Dass ich mehr aus mir mache. Und genau deshalb ist er f\u00fcr mich bis heute eine der pr\u00e4gendsten Personen meines Lebens.<\/p>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Dann kam Lisa<\/h6>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit 18 lernte ich Lisa kennen. Und mit ihr begann f\u00fcr mich ein neuer Abschnitt. Wir verlie\u00dfen Sachsen-Anhalt. Nicht, weil wir unsere Heimat nicht verstanden. Nicht, weil wir keine Perspektive hatten. Sondern weil wir neugierig waren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir wollten raus. Wir wollten die Welt sehen. Menschen kennenlernen. Reisen. Erleben. Wir haben uns immer ein St\u00fcck weit als Weltb\u00fcrger verstanden. F\u00fcr mich war das Freiheit. Vielleicht auch eine Art Gegenentwurf zu der Tristesse und Perspektivlosigkeit, die ich in meiner Jugend teilweise erlebt hatte.  Ich wollte nicht in einer Welt leben, die mir vorgibt, wo ich hingeh\u00f6re. Ich wollte selbst entscheiden.<\/p>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Und heute?<\/h6>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute sehe ich auf meine alte Heimat und habe das Gef\u00fchl, dass sie auseinanderbricht. Eine Region, in der ich aufgewachsen bin. Eine Region, in der ich mit Menschen \u00fcber Toleranz, Freiheit und Sichtbarkeit diskutiert und gestritten habe. Eine Region, aus der viele Menschen weggegangen sind \u2013 aus Perspektivlosigkeit, aus Neugier, aus dem Wunsch nach einem anderen Leben. Und heute sehe ich dort politische Kr\u00e4fte stark werden, gegen deren Weltbild ich mich schon als Jugendlicher entschieden habe. Das macht etwas mit mir. Besonders schwierig wird es, wenn Politik nicht mehr irgendwo drau\u00dfen stattfindet. Wenn sie pl\u00f6tzlich am eigenen K\u00fcchentisch sitzt. Nahe Verwanndte sich politisch ver\u00e4ndern. Wir haben fr\u00fcher unz\u00e4hlige politische Diskussionen gef\u00fchrt. Er war lange Zeit sehr stark links gepr\u00e4gt. Heute erlebe ich ihn zunehmend anders. Seine politische Haltung hat sich ver\u00e4ndert. Auch durch sein pers\u00f6nliches Umfeld. Und irgendwann sagte er zu mir:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u201eIch wei\u00df nicht mehr, was ich w\u00e4hlen soll. Es kann durchaus sein, dass ich rechts w\u00e4hle.\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Satz hat etwas in mir ausgel\u00f6st. Denn pl\u00f6tzlich stand ich genau vor dem Satz, den ich als Jugendlicher gelernt hatte:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u201eWenn du rechts wirst, fliegst du raus.\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und jetzt frage ich mich:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00fcrde ich diesen Satz heute tats\u00e4chlich umsetzen?<br>W\u00fcrde ich meinem eigenen Verwanten vor die T\u00fcr zeigen?<br>Oder w\u00fcrde ich damit genau das reproduzieren, was ich eigentlich bek\u00e4mpfen m\u00f6chte?<br>Ausgrenzung.<br>Schwarz-Wei\u00df-Denken.<br>Die Vorstellung, dass ein Mensch nur dann dazugeh\u00f6rt, wenn er politisch genauso denkt wie ich.<br>Ich habe darauf noch keine einfache Antwort.<br>Aber vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Bleiben oder gehen?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seit der Wahl besch\u00e4ftigt mich deshalb noch eine ganz andere Frage. <strong>Was passiert, wenn sich dieses Land weiter ver\u00e4ndert?<\/strong> Bleibt man? Oder geht man? Viele Menschen denken inzwischen dar\u00fcber nach, Deutschland zu verlassen, sollte sich eine rechtsextreme oder autorit\u00e4re Struktur irgendwann weiter verfestigen. Auch Lisa und ich haben dar\u00fcber gesprochen. Aber f\u00fcr uns ist diese Frage nicht einfach. Da ist Lisa.<br>Da ist ihr Leben.<br>Da ist unsere gemeinsame Geschichte.<br>Da ist unsere Arbeit.<br>Und da ist <strong>Under a Rest<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir haben diesen Verein nicht gegr\u00fcndet, weil wir ein bequemes Hobby gesucht haben.<br>Wir haben ihn gegr\u00fcndet, weil Menschen Unterst\u00fctzung brauchen, die selbst nicht mehr die Kraft haben, laut zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Menschen mit ME\/CFS. Menschen, die unsichtbar geworden sind. Menschen, die in einer Gesellschaft ohnehin Gefahr laufen, \u00fcbersehen zu werden. Und genau deshalb frage ich mich:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>K\u00f6nnen wir einfach gehen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kann ich einen Ort verlassen, weil es politisch schwieriger wird? Oder bedeutet Weggehen irgendwann auch, den Raum denjenigen zu \u00fcberlassen, die ihn ver\u00e4ndern wollen?<\/p>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Wegschauen, weglaufen oder reinhalten?<\/h6>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das sind Fragen, die Lisa und ich uns in den vergangenen Wochen immer wieder gestellt haben.<br>Hinschauen oder wegschauen?<br>Bleiben oder gehen?<br>Weglaufen oder reinhalten?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe lange dar\u00fcber nachgedacht und mit Lisa auch in gespr\u00e4chen verbal gerungen.  Und inzwischen glaube ich, dass meine Entscheidung gefallen ist.  Ich werde nicht weglaufen.  Nicht, weil ich glaube, dass alles gut wird. Nicht, weil ich keine Angst habe. Und auch nicht, weil ich glaube, dass man jede politische Entwicklung einfach aussitzen kann. Sondern weil ich mich an das erinnere, was mir mein Gro\u00dfonkel mitgegeben hat und auch Lisas Stimme der Vernunft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Freiheit ist nichts, das einfach da ist.<\/strong> Sie wurde erk\u00e4mpft. Sie wurde verteidigt. Und sie kann auch wieder verloren gehen. Deshalb m\u00f6chte ich nicht derjenige sein, der irgendwann sagt: <em>\u201eIch habe es kommen sehen, aber ich bin gegangen.\u201c<\/em> Ich m\u00f6chte lieber sagen k\u00f6nnen: <strong>Ich bin geblieben.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich m\u00f6chte widersprechen, wenn Menschen ausgegrenzt werden. <br>Ich m\u00f6chte laut werden, wenn andere keine Stimme mehr haben.<br>Ich m\u00f6chte f\u00fcr Freiheit eintreten, ohne selbst diejenigen auszugrenzen, die anders denken.<br>Und ich m\u00f6chte daran glauben, dass eine Gesellschaft mehr sein kann als links oder rechts.<br>Mehr als schwarz oder wei\u00df.<br>Mehr als Freund oder Feind.<br>Denn genau dieses Denken hat mich in meiner Jugend gepr\u00e4gt.<br>Und genau davon m\u00f6chte ich mich heute unterscheiden.<\/p>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Vielleicht ist das meine eigentliche Antwort<\/h6>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich wei\u00df nicht, wie Sachsen-Anhalt in zehn Jahren aussehen wird.<br>Ich wei\u00df nicht, wie Deutschland in zehn Jahren aussehen wird.<br>Ich wei\u00df auch nicht, ob meine Entscheidung irgendwann schwerer werden wird.<br>Aber ich wei\u00df, woher ich komme.<br>Ich wei\u00df, wer mich gepr\u00e4gt hat.<br>Ich wei\u00df, warum ich an Freiheit glaube.<br>Und ich wei\u00df, warum <strong>Under a Rest<\/strong> existiert<br>Vielleicht ist es deshalb gar nicht die Frage, ob man bleibt oder geht.<br>Vielleicht ist die wichtigere Frage:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wof\u00fcr entscheidet man sich, solange man noch die M\u00f6glichkeit dazu hat?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe mich entschieden.<br>F\u00fcr Freiheit.<br>F\u00fcr Menschlichkeit.<br>F\u00fcr Toleranz.<br>F\u00fcr Vielfallt.<br>F\u00fcr Demokratie.<br>Und vor allem daf\u00fcr, nicht wegzusehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht, weil ich glaube, dass ich die Welt ver\u00e4ndern kann. Sondern weil ich glaube, dass man manchmal einfach anfangen muss, <strong>seinen kleinen Teil der Welt zu verteidigen.<\/strong> Und vielleicht ist genau das die gr\u00f6\u00dfte Lektion, die mein Gro\u00dfonkel mir hinterlassen hat:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wenn du an etwas glaubst, dann lauf nicht weg, nur weil es schwierig wird.<\/strong> <strong>Bleib.<\/strong> <strong>Steh auf.<\/strong> <strong>Und halte dagegen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Jahr. Mehr als ein Jahr ist es mittlerweile her, dass ich auf einem Laufband stand und pl\u00f6tzlich dieser Gedanke durch meinen Kopf schoss: \u201eWarum mache ich eigentlich nicht einen Triathlon?\u201c Einfach so. Keine gro\u00dfe Vorbereitung, kein Plan und ehrlich gesagt auch keine wirkliche Ahnung, was ich da eigentlich vorhatte. 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