{"id":4859,"date":"2026-08-19T16:53:11","date_gmt":"2026-08-19T15:53:11","guid":{"rendered":"https:\/\/under-a-rest.me\/?p=4859"},"modified":"2026-09-05T13:48:44","modified_gmt":"2026-09-05T12:48:44","slug":"wenn-die-musik-ausgeht-und-warum-ich-glaube-dass-me-cfs-und-otrovertiert-sein-eine-besondere-mischung-sind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/under-a-rest.me\/en\/wenn-die-musik-ausgeht-und-warum-ich-glaube-dass-me-cfs-und-otrovertiert-sein-eine-besondere-mischung-sind\/","title":{"rendered":"Wenn die Musik ausgeht und warum ich glaube, dass ME\/CFS und otrovertiert-sein eine besondere Mischung sind"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor Kurzem bin ich \u00fcber einen Begriff gestolpert, den ich vorher noch nie geh\u00f6rt hatte: <strong>otrovertiert<\/strong>. Ein Begriff f\u00fcr Menschen, die sich weder als introvertiert noch als extrovertiert sehen. Ein <strong>otrovertierter<\/strong> Mensch (vom spanischen <em>otro<\/em> = der Andere) <strong>f\u00fchlt sich in Gruppen oft als unabh\u00e4ngiger Beobachter oder \u201eGast\u201c<\/strong>. Im Gegensatz zu Introvertierten sch\u00f6pfen sie ihre Energie nicht zwingend aus dem Alleinsein. Sie meiden Gruppenzw\u00e4nge, sind gesellig, pflegen aber lieber tiefe Einzelgespr\u00e4che als sich dem Gruppengef\u00fchl hinzugeben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Selten habe ich eine Beschreibung gelesen, bei der ich so oft gedacht habe: <em>Ja, genau so f\u00fchlt sich das an.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich erinnere mich noch genau an das Gef\u00fchl nach gro\u00dfen Veranstaltungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn das Event vorbei war, h\u00f6rte ich pl\u00f6tzlich etwas, das eigentlich gar nicht da war. Dieses Rauschen. Wie nach einem Konzert. Stundenlang hatte man Musik geh\u00f6rt, Moderationen, tausende Stimmen, Geschirr, Gabelstapler, Funkger\u00e4te und den st\u00e4ndigen L\u00e4rm einer Veranstaltung. Irgendwann wurde dieses Ger\u00e4usch zur Normalit\u00e4t. Bis pl\u00f6tzlich alles still war. Dann blieb nur dieses leise Pfeifen im Kopf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich war \u00fcber 15 Jahre Eventmanagerin. Nicht die Sorte, die Tagungen in einem festen Haus plant. Sondern die Sorte, deren Veranstaltungen bis mindestens vier Uhr morgens liefen. Wenn die letzten G\u00e4ste langsam Richtung Ausgang torkelten, begann f\u00fcr mich erst der dritte Teil des Jobs. Der Abbau. Fast nahtlos \u00f6ffnete sich irgendwo eine Hintert\u00fcr und wie aus dem Nichts tauchten sie auf: die Techniker, die M\u00f6belbauer, die Zeltjungs. Fast alle komplett schwarz gekleidet. Kleine Augen. Ein kurzes, grummeliges &#8222;Morgen&#8220;, obwohl es eigentlich noch dieselbe Nacht war. W\u00e4hrend andere l\u00e4ngst im Bett lagen, lagen hinter mir bereits zehn oder zw\u00f6lf Stunden Veranstaltung. Und jetzt kamen noch einmal sechs oder sieben Stunden Abbau dazu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ab da war mir immer kalt. Nicht wegen der Temperatur. Sondern weil der K\u00f6rper irgendwann einfach nicht mehr wusste, wie sp\u00e4t es eigentlich war. Schlaf hatte ich meistens kaum bekommen. Die Techniker wenigstens ein bisschen. Ich oft gar nicht. Und trotzdem war ich gl\u00fccklich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Erinnerung kommt mir immer wieder in den Kopf. Praterinsel. M\u00fcnchen. Hochsommer. Es hatte w\u00e4hrend des Events geregnet und alles roch nach nassem Stoff, Holzpaletten und Zelten. Wir hatten anderthalb unfassbar lange Tage hinter uns: Aufbau, Event, Abbau. Mein eigenes Team war l\u00e4ngst schlafen gegangen. Ich wartete noch auf die letzten Sponsorentransporte und unsere Zeltbauer aus Hamburg. Sie waren Fertig. Nicht mit diesem Job, sondern im Allgemeinzustand. Es war gerade Hochsaison. Nach ein paar Stunden Schlaf wartete schon das n\u00e4chste Projekt auf uns alle. Einer der Jungs hatte sichtbar einfach keine Lust mehr. Ich wei\u00df noch, wie ich eine vier Meter lange Zeltstange geschultert habe, lachend und singend an ihm vorbeiging und sagte: <em>\u201eKomm mit. Ich wei\u00df noch, wo der gute Energy Drink steht.\u201c<\/em> Er musste so lachen, dass er seine schlechte Laune f\u00fcr einen Moment verga\u00df. Nicht, weil der Witz besonders gut war. Sondern weil niemand verstand, warum ausgerechnet ich nach diesen Tagen noch lachen, singen und gute Laune haben konnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich verstand es damals auch nicht und wei\u00df bis heute nicht wo diese Energie immer her kam. Und genau deshalb glaube ich, dass mich ME\/CFS auf eine ganz besondere Weise trifft. Denn ich vermisse nicht einfach nur Veranstaltungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich vermisse dieses Gef\u00fchl. Meine Berufung. Das war mein Zuhause.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich liebe Begegnungen. Gute Gespr\u00e4che. Neue Menschen. Das gemeinsame Arbeiten an etwas, das gr\u00f6\u00dfer ist als man selbst. Ich brauche keine riesige Clique und habe mich selten \u00fcber Gruppenzugeh\u00f6rigkeit definiert. Aber ich liebe diese Momente, in denen Ideen entstehen und Menschen gemeinsam etwas bewegen. Vielleicht beschreibt genau das dieses Otrovertiertsein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schon als Gesunde kannte ich das kleine Loch nach gro\u00dfen Veranstaltungen. Viele Menschen aus der Eventbranche kennen das. Wochen oder Monate arbeitet man auf einen Termin hin. Das Adrenalin steigt. Man lebt praktisch auf der Veranstaltung. Und dann ist sie pl\u00f6tzlich vorbei. Die Hallen sind leer. Die WhatsApp-Gruppen werden ruhiger. Der Kalender ist wieder wei\u00df. Diese kleine Post-Event-Depression war fast schon Teil des Berufs.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute f\u00fchlt sich dieses Loch anders an. Nach der EuroMinds ging es mir so. Nach der Challenge Roth wieder. Denn heute kommt zu dieser emotionalen Leere noch etwas hinzu: ME\/CFS.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend andere nach einem Event m\u00fcde sind und sich ein Wochenende erholen, beginnt mein K\u00f6rper h\u00e4ufig erst dann zu reagieren. PEM. Der Crash. Mein K\u00f6rper schaltet komplett ab, w\u00e4hrend mein Kopf noch mitten zwischen Messest\u00e4nden, B\u00fchnen und Gespr\u00e4chen unterwegs ist. Es f\u00fchlt sich an, als w\u00fcrde jemand bei voller Fahrt die Handbremse ziehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Verr\u00fcckte ist: Ich glaube nicht einmal, dass ich die Veranstaltungen selbst am meisten vermisse. Ich glaube, ich vermisse die Version von mir, die dort f\u00fcr kurze Zeit wieder auftaucht &#8211; zwar nur noch in Bruchst\u00fccken von fr\u00fcher, aber die \u201calte Lisa kann da kurz wieder zu Hause sein\u201d.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Lisa, die Probleme l\u00f6st, Menschen zusammenbringt, Ideen spinnt, lacht, spontan ist und sich lebendig f\u00fchlt. Die Lisa, die f\u00fcr jedes Problem eine L\u00f6sung in sp\u00e4testens einer Sekunde hat, die jeden Mitarbeiter der Teams und jeden geheimen Weg kennt um schnell von A nach B zu kommen und die einfach zusieht, dass alles reibungslos l\u00e4uft und die G\u00e4ste eine gute Zeit haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn ich nicht solche Schmerzen h\u00e4tte, w\u00fcrde manchmal sogar vergessen, wie krank ich eigentlich bin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dann komme ich nach Hause.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Stille ist pl\u00f6tzlich nicht mehr nur die Ruhe nach einem Event.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie erinnert mich daran, was mein K\u00f6rper nicht mehr kann. Das ich selber privat hunderte Probleme habe f\u00fcr die ich keine L\u00f6sung habe. Eine bisher unheilbare Krankheit, ewig lange Wartelisten bei \u00c4rzten, ewig lange Diagnostikwege bei denen ich von A nach B geschickt werde wie ein Ping-Pong-Ball, Schmerzen f\u00fcr die keine Medikamente helfen, Antr\u00e4ge die nicht weiter bearbeitet werden, Hobbies die brach liegen und die ich nicht mehr machen kann, Menschen die sich bei uns melden und die noch verzweifleter sind. Und f\u00fcr all das habe ich einfach keine L\u00f6sung. Und das widerspricht sehr stark meinem naturell.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht ist das der Teil von ME\/CFS, \u00fcber den viel zu selten gesprochen wird. Diese Krankheit nimmt einem nicht nur Kraft. Sie nimmt einem manchmal die M\u00f6glichkeit, die eigene Pers\u00f6nlichkeit auszuleben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich bin nicht pl\u00f6tzlich ein anderer Mensch geworden. Ich liebe Veranstaltungen immer noch. Ich liebe Menschen immer noch. Ich liebe dieses kreative Chaos immer noch. Ich kann es nur nicht mehr so leben wie fr\u00fcher.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und vielleicht war genau deshalb der Begriff <em>otrovertiert<\/em> f\u00fcr mich so spannend. Nicht, weil ich endlich eine Schublade gefunden habe. Sondern weil ich verstanden habe, warum mich diese wenigen Tage auf Veranstaltungen emotional so sehr erf\u00fcllen \u2013 und warum mich der Weg zur\u00fcck auf mein Sofa anschlie\u00dfend so hart trifft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht ist das am Ende die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung an ME\/CFS.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht, dass ich vergessen habe, wer ich bin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sondern dass ich mich immer wieder daran erinnern muss, dass ich es trotz allem noch bin.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor Kurzem bin ich \u00fcber einen Begriff gestolpert, den ich vorher noch nie geh\u00f6rt hatte: otrovertiert. 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