{"id":405,"date":"2026-02-18T17:15:00","date_gmt":"2026-02-18T17:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/under-a-rest.me\/?p=405"},"modified":"2026-03-30T17:52:00","modified_gmt":"2026-03-30T17:52:00","slug":"schmerz-lass-nach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/under-a-rest.me\/en\/schmerz-lass-nach\/","title":{"rendered":"Schmerz, lass nach"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>(Gastbeitrag \u2013 Silent Member Sandra)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie komme ich damit klar, 24 Stunden am Tag Schmerzen zu haben, vielleicht \u00fcber Jahre, vielleicht \u00fcber Jahrzehnte? Wie halte ich das aus? Wie finde ich einen Weg aus diesem zerm\u00fcrbenden Teufelskreis, in dem Lebensqualit\u00e4t irgendwann nur noch ein Wort ist?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute erz\u00e4hle ich euch meine Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Der Anfang: 1995<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1995 erkrankte ich am Pfeifferischen Dr\u00fcsenfieber. Dazu kam eine seltene Lebererkrankung. Sieben lange Jahre dauerte es bis zur Diagnose. Wie viele \u00c4rzte ich aufgesucht habe, wei\u00df ich nicht mehr. Oft wurde ich schnell abgefertigt:<br><em>\u201eSie sind doch noch jung.\u201c<\/em><br><em>\u201eGehen Sie mal wieder arbeiten, dann wird das schon.\u201c<\/em><br><em>\u201eBringen Sie erstmal Ihre Psyche in Ordnung.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber was war zuerst da \u2013 das Huhn oder das Ei? War meine Psyche schuld, dass mein K\u00f6rper in Schmerzen fl\u00fcchtete? Oder wurde ich psychisch instabil, weil ich \u00fcber Jahre nicht ernst genommen wurde \u2013 von \u00c4rzten, von der Gesellschaft, teilweise sogar von Menschen in meinem Umfeld? Mein K\u00f6rper verlangte bis zu 20 Stunden Schlaf am Tag. Ich war nicht mehr klar im Kopf. Und niemand glaubte mir.<br>Verzweiflung. Wut. Hilflosigkeit. Gef\u00fchle, die zus\u00e4tzlich zu all dem k\u00f6rperlichen Elend kamen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>2012: Hoffnung \u2013 und neue Fragen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach jahrelangen Leberbehandlungen, inklusive Chemotherapie, kam 2012 die rettende Operation. Die starken Oberbauchschmerzen waren weg. Mein Schlafbed\u00fcrfnis lag \u201enur\u201c noch bei 16 Stunden t\u00e4glich. Und trotzdem wurde es nicht wirklich besser.<br>Ich dachte:<br><em>Kann ich denn nicht einmal in meinem Leben durchatmen?<\/em><br><em>Welche Baustelle in meinem K\u00f6rper ist jetzt wieder offen?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>2016: Die Diagnose ME\/CFS<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erst durch Gespr\u00e4che mit meiner Psychologin h\u00f6rte ich zum ersten Mal von ME\/CFS. Ich begann zu recherchieren. Und pl\u00f6tzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Da stand mein Alltag. Da stand mein Leben. Beschrieben von Menschen, die mich nie getroffen hatten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">2016 bekam ich die Diagnose durch die Charit\u00e9. Schmerzen. Entz\u00fcndungen. Extreme Langsamkeit \u2013 im Alltag und im Kopf. All das, was mit 20 begonnen hatte, ergab pl\u00f6tzlich Sinn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>R\u00fcckschl\u00e4ge geh\u00f6ren dazu<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es wird immer wieder R\u00fcckschl\u00e4ge geben. 2019 brachte mich ein Norovirus zur\u00fcck in die Bettl\u00e4gerigkeit. Ich lebe allein, im zweiten Stock ohne Aufzug. \u00dcber die Jahre wurde ich von vielen vergessen. Ich war \u201edie Dauerkranke\u201c. Wenn ich drau\u00dfen war, sah man mir die massiven Schmerzen oft nicht an. Auch wenn sie unsichtbar sind, sind sie doch t\u00e4glich pr\u00e4sent.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Psychotherapie \u2013 nicht als Heilung, sondern als Haltung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich bin sehr dankbar, dass ich mich auf eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie eingelassen habe, zun\u00e4chst station\u00e4r. Sie hat mich k\u00f6rperlich nicht geheilt. Aber sie hat mir etwas anderes geschenkt: Einen neuen Umgang mit meinem Leben. Ich habe gelernt:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>meine Muster zu erkennen<\/li>\n\n\n\n<li>zu unterscheiden, was f\u00fcr <strong>mich<\/strong> stimmig ist \u2013 nicht f\u00fcr andere<\/li>\n\n\n\n<li>nicht dauerhaft in der Opferrolle zu bleiben<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich musste mich fragen: M\u00f6chte ich in dieser Position verharren? Oder m\u00f6chte ich anders mit meiner Situation umgehen? Es war ein harter Weg. Aber er hat mir einen inneren Reichtum geschenkt, den ich vorher nicht kannte. Ich wei\u00df heute, wie sich echte Dankbarkeit anf\u00fchlt. Auch mit Schmerzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Verlust geh\u00f6rt dazu<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Viele von uns haben viel, wenn nicht alles, verloren: Partner. Freunde. Beruf. Pl\u00e4ne. &#8222;Andere Wege \u00f6ffnen sich\u201c \u2013 das sagt sich leicht. In der Umsetzung ist es schwer. Sehr schwer. <br>Akzeptanz ist kein Aufgeben. Sie ist ein Schritt in eine andere Richtung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was bleibt uns anderes \u00fcbrig, als Stunde f\u00fcr Stunde zu schauen: Was geht gerade?<br>Was braucht mein K\u00f6rper? Nicht: <em>Was will ich?<\/em> Sondern: <em>Was brauche ich?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Dunkle Gedanken und Selbstwert<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja, ich kenne diese Gedanken: <em>Warum weitermachen?<\/em> <em>F\u00fcr wen? F\u00fcr was?<\/em><br>Ich habe keinen Partner. Keine Kinder. Eine Familie, die sich mit dem Thema Krankheit schwer tut.<br>Und doch habe ich gelernt: Ich bin es mir selbst wert. Auch wenn ich mit 51 von Gleichaltrigen bel\u00e4chelt werde. Ich wei\u00df, dass ich Struktur brauche. Ruhe. Langsamkeit. Keine spontanen Aktionen, die mich in den n\u00e4chsten Crash treiben. Ich brauche Menschen, die Geduld mit mir haben. Und ich habe gelernt, mich mit diesen Bed\u00fcrfnissen in die Welt hinauszuwagen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Atem, Vertrauen und alte Muster<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Atemtechniken haben mir enorm geholfen, gerade in akuten Schmerz, oder Schw\u00e4chezust\u00e4nden, sogar nach Bandscheibenvorf\u00e4llen und St\u00fcrzen. Sie haben mich beruhigt. Mir Kontrolle zur\u00fcckgegeben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vertrauen war f\u00fcr mich immer schwierig. Doch wie soll man vertrauen, wenn der eigene K\u00f6rper pl\u00f6tzlich nicht mehr funktioniert? Heute wei\u00df ich: Es geht nicht darum, alles im Griff zu haben. Es geht darum, ehrlich hinzuschauen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch alte Muster d\u00fcrfen gesehen werden. Auch Schmerzen d\u00fcrfen da sein. Manchmal sagen sie uns: <em>Bitte langsamer. Bitte achtsamer.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>ME\/CFS ist keine psychische Erkrankung \u2013 aber wir brauchen Werkzeuge<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mir ist klar: ME\/CFS ist keine psychische Erkrankung. Aber ich kann lernen, anders mit den Einschr\u00e4nkungen umzugehen.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Dankbarkeit f\u00fcr das, was geblieben ist<\/li>\n\n\n\n<li>Atemtechniken<\/li>\n\n\n\n<li>Pausen ohne Schuldgef\u00fchl<\/li>\n\n\n\n<li>\u201eNein\u201c sagen<\/li>\n\n\n\n<li>\u201eStopp\u201c sagen<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und ja nach 30 Jahren falle ich immer noch manchmal in alte Muster zur\u00fcck. Das geh\u00f6rt dazu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Anders, aber nicht leichter<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Manche denken vielleicht: <em>\u201eSie hat gut reden. Sie ist nicht mehr bettl\u00e4gerig. Sie hat Rente. Keine Kinder.\u201c<\/em> Diese Gedanken d\u00fcrfen sein. Und ja \u2013 ich hatte in vielem auch Gl\u00fcck.<br>Aber alleine mit Brain Fog, Medikamenten-Nebenwirkungen, Angst, Einsamkeit und organisatorischen Herausforderungen zu leben, ist es auch nicht leicht. <br>Raus aus der Bettl\u00e4gerigkeit hei\u00dft nicht: Es wird einfach. Es wird anders.<br>Drau\u00dfen erwartet man wieder \u201eFunktionieren\u201c. Ungeduld entsteht. Erwartungen werden entt\u00e4uscht.<br>Es sind andere Herausforderungen, aber keinesfalls kleinere.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Minischritte sind auch Schritte<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seit 2020 hat sich viel bewegt. Vorher wurden wir noch weniger geh\u00f6rt. Es geht langsam voran. Sehr langsam. Aber auch Minischritte sind Schritte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was ich gelernt habe<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Erwartungshaltungen herunterschrauben<\/li>\n\n\n\n<li>Im Hier und Jetzt bleiben<\/li>\n\n\n\n<li>Selbstf\u00fcrsorge ernst nehmen<\/li>\n\n\n\n<li>Pausen einplanen<\/li>\n\n\n\n<li>Kleine Dinge suchen, die der Seele guttun<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es hat lange gedauert, bis ich meine kleinen Lichtpunkte gefunden habe. Aber sie sind da. Und sie werden dich finden, wenn du sie noch suchst. Das ist keine Drohung \u2013 sondern ein kleiner Hoffnungsschimmer \ud83d\ude09&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Eine Bitte an uns alle<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lasst uns zusammenhalten. Wir k\u00f6nnen nicht zaubern. Aber es hilft zu wissen, dass wir nicht alleine sind.<br>Jeder von uns hat seine Geschichte. Jeder k\u00e4mpft auf seine Weise.<br>Lasst uns unsere Energie l\u00f6sungsorientiert einsetzen \u2013 nicht problemorientiert. Wir tragen genug Last. Konzentrieren wir uns auf das, was geht \u2013 nicht auf das, was nicht (mehr) geht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gemeinsam wird es leichter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielen Dank f\u00fcrs Lesen.<br>F\u00fcr eure Zeit.<br>F\u00fcr eure Kraft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alles Liebe euch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Gastbeitrag \u2013 Silent Member Sandra) Wie komme ich damit klar, 24 Stunden am Tag Schmerzen zu haben, vielleicht \u00fcber Jahre, vielleicht \u00fcber Jahrzehnte? Wie halte ich das aus? Wie finde ich einen Weg aus diesem zerm\u00fcrbenden Teufelskreis, in dem Lebensqualit\u00e4t irgendwann nur noch ein Wort ist? Heute erz\u00e4hle ich euch meine Geschichte. 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