{"id":399,"date":"2026-03-02T17:10:02","date_gmt":"2026-03-02T17:10:02","guid":{"rendered":"https:\/\/under-a-rest.me\/?p=399"},"modified":"2026-03-30T17:51:35","modified_gmt":"2026-03-30T17:51:35","slug":"andere-welten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/under-a-rest.me\/en\/andere-welten\/","title":{"rendered":"Andere Welten"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>(Gastbeitrag \u2013 Silent Member Anonym)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich bin nicht immer ganz ehrlich zu mir selbst und auch zu meinen Mitmenschen. Ich bin krank, schon ziemlich lange 15 Jahre und l\u00e4nger\u2013 habe ME\/CFS, chronische Depressionen, ADHS, Endometriose, Fibromyalgie, schlafe beschissen, habe R\u00fccken und rede kaum noch dar\u00fcber. Klar k\u00f6nnte ich sagen, ich m\u00f6chte anderen nicht zur Last fallen, will nicht den Eindruck erwecken, dass ich immer nur am Jammern bin, aber es ist ganz anders: Ich sch\u00fctze mich! Ja ich sch\u00fctze mich vor doppeldeutigen Kommentaren, Stigmatisierung, vor negativen Hinterfragungen, vor Anspielungen, eigenartigen Reaktionen, Kr\u00e4nkung, Entt\u00e4uschung und Verletzung. Ich mag einfach nicht mehr aufpassen, wem ich was erz\u00e4hlen kann und ich will auch nicht mehr, dass es jeder wei\u00df. Es raubt mir Energie, die ich einfach nicht mehr bereit bin aufzubringen. Mein Thema war die Wut und es hat ganz sch\u00f6n lange gedauert, bis ich es erkannt hatte:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich dachte niemals an Wut auf andere, sondern, dass ich eine undefinierbare Wut auf mich selbst hatte, wegen meiner chronischen Erkrankungen, wegen der&nbsp;Dinge, die ich einfach nicht mehr leisten konnte, Selbstmitleid und Hadern mit meinem Pech, Ungl\u00fcck und Schicksal. Ich vermisste einfach mein unbeschwertes, altes Leben, voller Energie, Workaholic und Dauerlauf. Ich wollte es mir aber dennoch immer wieder selbst und anderen beweisen, dass ich trotz Handicap leistungsf\u00e4hig bin. Ich bin so oft \u00fcber meine Grenzen gegangen, dann im stillen K\u00e4mmerlein zusammengebrochen und in meinen typischen \u201eFreeze\u201c-Zustand verfallen. Crash! Leere \u2013 Feierabend!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber ich behielt meine offene Art \u00fcber meine Erkrankungen zu reden, manchmal sogar etwas \u201eOversharing\u201c zu betreiben &#8211;&nbsp; Es sollte eigentlich Aufkl\u00e4rung bringen und gegen Stigmatisierung helfen. Ich dachte, dass es zum Verst\u00e4ndnis und vor allem auch zu Solidarit\u00e4t beitr\u00e4gt, wenn man zeigt, dass eine Erkrankung nicht die Person definiert. Man hat sie halt.&nbsp; Aber das was ich tat, was ich sagte, wie ich mich verhielt, passte oft nicht in das Schubladendenken der anderen, die ein genaues Bild von Erkrankungen, deren Abl\u00e4ufe, Schweregrade, Leistungsf\u00e4higkeit uvm. hatten.<br>Ich wurde immer seltener gefragt, ob ich Lust h\u00e4tte, mal auf einen Kaffee zu gehen, zum Schwimmen oder einfach mal nur so auf ein Treffen. Zu oft hatte ich halt einfach absagen m\u00fcssen, weil es einfach gesundheitlich nicht ging. Irgendwann stellte ich fest, dass ich auch gar nicht mehr gefragt wurde, wie es mir ginge. Es gab zwar noch Telefonate, die allerdings immer einseitiger wurden. Ich war die Zuh\u00f6rerin, Ratgeberin und Kummerkasten. Kam ich dann doch mal zum Zug, dann erhielt ich spitze Bemerkungen, versteckte Botschaften, kurzes Angebundensein oder pures Gaslighting, wo mir meine Erkrankungen einfach abgesprochen oder kleingeredet wurden. Selbst bei Menschen, die auch an chronischen Erkrankungen litten erlebte ich das. Ich war jedes Mal so ausgelaugt und f\u00fchlte mich einfach so unverstanden, \u00fcbersehen und benutzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich konnte sehr lange Zeit mit diesem Umstand nicht umgehen, machte aber einfach so weiter. War es Neid, Wut, Gleichg\u00fcltigkeit was Menschen in eine solche Empathielosigkeit f\u00fchrte? Wohl kaum&#8230;<br>Ich fing an, Fehler bei mir zu suchen, mich zu hinterfragen, mich mit anderen zu vergleichen, unsicher zu sein \u2013 bin ich wirklich so krank? Bin ich f\u00fcr meine Mitmenschen l\u00e4stig, langweilig oder peinlich? Wie verh\u00e4lt man sich denn eigentlich mit bestimmten Diagnosen? Setz ich mich eigentlich gen\u00fcgend mit meinen Erkrankungen auseinander? Geh ich nicht zu den richtigen \u00c4rzten, probier ich zu wenige Medikamente? Warum k\u00f6nnen andere einfach in den Urlaub fahren oder \u00fcberhaupt mit dem Auto fahren? Banale Frage: bin ich einfach nur faul?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich wurde unsicher, fing an ruhiger zu werden und auch unsichtbarer f\u00fcr andere in meiner Welt \u2013 ich ging ja eh schon kaum mehr aus dem Haus, au\u00dfer zum Einkaufen. In Social Media zeigte ich nur noch die sch\u00f6ne Seite meines Lebens. Mein Garten, mein Essen, meine Ausfl\u00fcge- hier ein Bl\u00fcmchen, da ein sinniges Zitat. Ehrlich gesagt auch sch\u00f6n f\u00fcr mich zu sehen, dass dieses Leben und diese Welt, diese Momente ja tats\u00e4chlich auch existierten, gerade wenn es mir wieder mal nicht gut ging.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich musste mich aber der Wut stellen, die ich in mir sp\u00fcrte, die sich gegen mich selbst richtete und so viel Energie fra\u00df, die eh recht knapp bemessen war. Ich erkannte, dass ich f\u00fcr jeden meiner Mitmenschen Empathie, Mitleid und Verst\u00e4ndnis aufbringen konnte, nur mir selbst gegen\u00fcber versp\u00fcrte ich anscheinend nur Wut. War das wirklich Wut? Oder war es nicht eher Entt\u00e4uschung und Traurigkeit dar\u00fcber, dass ich doch recht einsam mit meiner Erkrankung bin? Ich habe da ja 2 Welten geschaffen. Es ist die eine Welt, in der mich die allermeisten Menschen sehen &#8211; die Welt der toughen Frau, die immer gibt und niemals nimmt. Die neben ihrer Erkrankung vermeintlich Dinge auf die Beine stellt, die ein gesunder Mensch nicht zu leisten vermag, stets ein offenes Ohr und f\u00fcr jedes Problem eine L\u00f6sung an der Hand hat. Mein Haus, mein Garten, mein Urlaub! Sie kann ihre Schw\u00e4chen zwar benennen, aber vorhanden k\u00f6nnen die doch gar nicht sein, wenn man so krank ist, dachten wohl alle.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die andere Welt ist im Verborgenen. Es sind die Tage, Wochen in Stille, kein Lebenszeichen, Ruhe, Alleinsein, kein Telefonat, Ersch\u00f6pfungsendstufe, Einsamkeit, Schlafst\u00f6rung, Schmerzen, Unruhe, Crash, ewiges Handygedaddel, Netflix&amp;Co, Onlineshopping, Freeze und alles ist einfach zu viel. Nur mein Mann hatte Zugang zu dieser Welt, unser Alltag!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das konnte aber einfach nicht mehr so weitergehen, also mussten Ehrlichkeit und Klarheit in mein Leben treten. Was nicht hei\u00dft, dass dies so einfach war und ist! Jahrzehnte an Konditionierung f\u00fchren und f\u00fchrten zwangsl\u00e4ufig immer wieder zu R\u00fcckf\u00e4llen, Selbstzweifel, schlechtem Gewissen, \u00dcberforderung mit der Folge der Zustandsverschlechterung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Bestandsaufnahme: <\/strong>Meine Welt f\u00fchlt sich grad authentischer an mit Selbstf\u00fcrsorge und Selbstmitgef\u00fchl, mit Grenzen, mit Gelassenheit. Und ich lasse auch wieder Menschen in diese Welt, wohl dosiert\u2026<br>Rund 15 Jahre lebe ich nun mit Erkrankungen, die sich chronifiziert haben. Ich vermisse mein altes Leben von davor. Wie w\u00e4re es wohl ohne Krankheit weitergegangen? Keine Ahnung, ich kann nicht damit hadern und blicke nicht mehr zur\u00fcck. Ich versuche ehrlich mit mir selbst zu sein, ich h\u00f6re in mich, ich nehme meine Erkrankung an. Ich dosiere meine Zeit. Ich ruhe, ich arbeite, bin alleine, ich lebe in den Tag und ich schlafe immer noch schlecht. Ich habe Klarheit dar\u00fcber, dass jeder Mensch sein P\u00e4ckchen zu tragen hat und ich es mir nicht aufladen muss, ich muss mir nicht mehr alles anh\u00f6ren, f\u00fcr alles eine L\u00f6sung haben. Ich lasse mich nicht mehr hinterfragen, das mache ich wenn schon selbst. Ich freue mich \u00fcber alle Dinge, die ich mit meinem Mann und meinen mittlerweile erwachsenen Kindern erlebe, ich f\u00fchle extrem und manchmal auch gar nichts. Ich koche und esse gerne. Ich f\u00fchl mich gut, manchmal getrieben,&nbsp; dann wieder beschissen und ich bin viel zu dick, weine und schreibe ein Buch &#8211; nicht \u00fcber mein Leben. Ich habe Frieden mit meiner verborgenen Welt geschlossen, die ich zum realen Teil meines Lebens gemacht habe. Nicht immer ist es sch\u00f6n zu leben, aber meistens dann doch.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Gastbeitrag \u2013 Silent Member Anonym) Ich bin nicht immer ganz ehrlich zu mir selbst und auch zu meinen Mitmenschen. Ich bin krank, schon ziemlich lange 15 Jahre und l\u00e4nger\u2013 habe ME\/CFS, chronische Depressionen, ADHS, Endometriose, Fibromyalgie, schlafe beschissen, habe R\u00fccken und rede kaum noch dar\u00fcber. 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