{"id":3950,"date":"2026-05-15T11:16:55","date_gmt":"2026-05-15T10:16:55","guid":{"rendered":"https:\/\/under-a-rest.me\/?p=3950"},"modified":"2026-05-25T18:03:52","modified_gmt":"2026-05-25T17:03:52","slug":"mein-kindheitstraum-in-celeste","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/under-a-rest.me\/en\/mein-kindheitstraum-in-celeste\/","title":{"rendered":"Mein Kindheitstraum in Celeste."},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Manche Menschen haben einen Kindheitstraum, der irgendwann verloren geht.<br>Meiner stand schon sehr fr\u00fch auf zwei R\u00e4dern. Und irgendwie hat er mich nie wieder losgelassen. <br>Wer den deutschen Radsport so liebt wie ich und in den Jahren nach der Wende im Osten geboren wurde, hat im Sommer 1997 ein Fieber mitbekommen, das damals durchs ganze Land ging. Ein Fieber in Magenta. Denn pl\u00f6tzlich trug ein Deutscher das Gelbe Trikot der Tour de France: Jan Ullrich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und ab diesem Moment war mein Leben irgendwie dem Fahrrad gewidmet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1997 war sowieso ein Jahr, in dem gef\u00fchlt alles auf Anfang stand.<br>Meine Eltern hatten sich kurz davor auf keine sch\u00f6ne Art getrennt. Mein Vater und ich lebten alleine in einem kleinen Plattenbau und teilten uns ein Zimmer. Ich wurde eingeschult, wir hatten pl\u00f6tzlich ein neues t\u00fcrkisfarbenes Auto und fuhren das erste Mal zusammen in die Alpen. Nur wir zwei. Wenn ich heute dar\u00fcber nachdenke, musste ich damals irgendwie auch viel zu fr\u00fch erwachsen werden. Mein Vater arbeitete als Rettungssanit\u00e4ter in 24-Stunden-Schichten und ich war als kleiner Pimpf oft allein. Schl\u00fcsselkind ab der ersten Klasse. Morgens selber aufstehen, zur Schule gehen, irgendwie klarkommen. Ich glaube, irgendwann schreibe ich dar\u00fcber noch ausf\u00fchrlicher.<br>Heute soll es eher darum gehen, warum mich der Radsport nie wieder losgelassen hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sommer 1997. Alles war Magenta. Deutschland hatte pl\u00f6tzlich einen Tour-de-France-Sieger und im Osten spielte Radsport sowieso immer eine besondere Rolle. Friedensfahrt, Bahnradsport \u2013 und irgendwie kamen gef\u00fchlt alle gro\u00dfen Fahrer damals aus dem Osten. Zumindest f\u00fchlte es sich f\u00fcr mich als Kind so an. Ich wei\u00df noch, wie mein Vater und ich am Gardasee sa\u00dfen und im str\u00f6menden Regen auf einen kleinen Fernseher starrten. Tour de France. Ullrich. Dieses Gef\u00fchl. Diese Spannung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Jahr sp\u00e4ter, 1998, standen wir pl\u00f6tzlich mitten in den franz\u00f6sischen Alpen an der Strecke der Tour. Mein Vater inzwischen mit neuer Partnerin, meine kleine Schwester im Kinderwagen und ich irgendwo zwischen staunendem Kind und v\u00f6llig \u00fcberdrehtem Fan. Es war Juli. Brutal hei\u00df. Tausende Menschen an den Bergen.<br>Und ich bekomme heute noch G\u00e4nsehaut, wenn ich daran denke.<br>Die Werbekarawane.<br>Dieser K\u00e4se, der aus den Autos geworfen wurde und in der Hitze roch wie alter Harzer K\u00e4se.<br>Die Stimmung.<br>Die Menschen.<br>Und dann kam dieser Moment.<br>Die Spitzengruppe fuhr vorbei.<br>Dann das Peloton.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und ich? Ich rannte neben den Profis her den Berg hoch. Schob Fahrer an, half gef\u00fchlt mit und war komplett im Ausnahmezustand. Ich kann bis heute behaupten, dass ich mal den Hintern von Erik Zabel in der Hand hatte, weil ich ihn am Berg angeschoben habe.<br>F\u00fcr mich war das damals gr\u00f6\u00dfer als alles andere.<br>Die Trinkflaschen in Wei\u00df und Magenta zu fangen f\u00fchlte sich an, als h\u00e4tte ich einen Pokal gewonnen. Nach den Sommerferien war ich damit der kleine Held auf dem Schulhof.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und ab da war das Feuer endg\u00fcltig entfacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von diesem Zeitpunkt an spielte sich fast alles auf dem Fahrrad ab.<br>Meine Freunde und ich waren nur noch unterwegs. Downhill. Kleine Touren in die n\u00e4chste Stadt. Schrauben. Reparieren. Kaputtmachen. Platten flicken. Schieben. Wieder fahren.<br>Ich hatte nat\u00fcrlich kein Rennrad.<br>Nur irgendein typisches Baumarkt- oder Kauflandrad. Sp\u00e4ter eins aus dem Otto-Katalog. Mehr war finanziell einfach nicht drin.<br>Wie wir damals an Ersatzteile gekommen sind, um den Verschlei\u00df unserer R\u00e4der auszugleichen\u2026 sagen wir mal so: Das ist inzwischen lange genug verj\u00e4hrt. \u201eEingeklaut\u201c nannten wir das fr\u00fcher. Und was da teilweise f\u00fcr Frankenstein-Fahrr\u00e4der entstanden sind, l\u00e4sst mich heute gleichzeitig schmunzeln und den Kopf sch\u00fctteln.<br>Wenn ich Rennradprofi spielen wollte, drehte ich einfach meine H\u00f6rnchen am Lenker nach unten und stellte mir vor, ich w\u00e4re mitten im Feld der Tour de France.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">2003 kam dann das gro\u00dfe Comeback von Ullrich.<br>Und pl\u00f6tzlich gab es diese eine Farbe, die mich komplett in ihren Bann gezogen hat: Celeste. Bianchi. Dieses Team. Diese R\u00e4der. Diese italienische Eleganz zwischen all den anderen Bikes. F\u00fcr mich sah das aus wie eine \u00dcbermacht und gleichzeitig wie absolute Underdogs.Ab da war klar: Irgendwann wollte ich mal ein Bianchi haben. Nur dauerte dieses \u201eirgendwann\u201c ziemlich lange.<br>Fast \u00fcber 20 Jahre.<br>Erst kam irgendwann ein Gravelbike. Dann mein erstes richtiges Rennrad \u2013 ein graues Specialized SL8 \u00fcber Bikeleasing. Die Freude hielt leider nicht lange, weil ich das Unternehmen aus pers\u00f6nlichen Gr\u00fcnden verlassen habe.<br>Und pl\u00f6tzlich stand ich wieder ohne Rennrad da.<br>Ausgerechnet in dem Jahr, in dem wir mit under a Rest bei den ersten Radrennen antreten wollten.<br>Lisa und ich fuhren von Fahrradladen zu Fahrradladen.<br>Nichts f\u00fchlte sich richtig an. Viele L\u00e4den in Hamburg waren mir zu unpers\u00f6nlich, zu arrogant. Nicht meine Welt. Da Canyon und Rose f\u00fcr mich nie wirklich infrage kamen, schaute ich irgendwann online, was es in der Region um unser Ferienhaus im Harz gibt. Und pl\u00f6tzlich sah ich etwas, womit ich \u00fcberhaupt nicht gerechnet hatte: <strong>Celeste.<\/strong><br>Ein Bianchi Specialissima.<br>Und auch noch in meiner Rahmengr\u00f6\u00dfe.<br>Kurz darauf fuhren Lisa und ich nach Halle an der Saale zu einem gro\u00dfen Fahrradladen. Der Laden war komplett voll, \u00fcberall Menschen, \u00fcberall R\u00e4der. Aber ich hatte nur Augen f\u00fcr dieses eine Fahrrad.Schon von Weitem leuchtete es mich an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Celeste.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lisa kennt diese Momente bei mir. Ich werde dann nerv\u00f6s, falle fast in eine kleine Schockstarre und rede pl\u00f6tzlich nur noch das N\u00f6tigste.<br>Ich wollte dieses Rad fahren.<br>Und gleichzeitig hatte ich Angst davor, dass es vielleicht gar nicht so besonders f\u00e4hrt, wie ich es mir seit Jahren ausgemalt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann durfte ich endlich drauf. Und es war vorbei. Dieses Fahrrad fuhr sich wie ein Traum.<br>Sp\u00e4ter erz\u00e4hlte mir Lisa, dass die Verk\u00e4uferin wohl direkt gesagt hat:<br>\u201eDas passt wie Arsch auf Eimer.\u201c<br>Ein paar Wochen sp\u00e4ter holten wir es dann endg\u00fcltig ab.<br>Ich konnte davor kaum schlafen. Wirklich wie ein kleines Kind vor Weihnachten.<br>Und dann rollte der Mechaniker dieses Rad nach vorne.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da stand sie.<br>Wie eine italienische Diva.<br>Und genau deshalb hei\u00dft sie heute auch \u201eDiva\u201c.<br>Mein celestefarbener Kindheitstraum.<br>F\u00fcr mich eines der sch\u00f6nsten Rennr\u00e4der der Welt. <br>Italienische Linien, diese besondere Farbe und ein Fahrgef\u00fchl, das mich jedes Mal wieder grinsen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und irgendwie passt es sogar perfekt zu unseren under-a-Rest-Trikots. Vielleicht war dieses Celeste schon viel fr\u00fcher in meinem Kopf verankert, ohne dass ich es bewusst wusste. Heute fahre ich dieses Rad mit Stolz.<br>Nicht nur f\u00fcr mich.Sondern auch f\u00fcr Menschen, die selbst gerade nicht fahren k\u00f6nnen.<br>Und ja\u2026 Lisa habe ich nat\u00fcrlich l\u00e4ngst mit diesem Radsportvirus infiziert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir hatten immer den Traum, gemeinsam mal zur Tour de France zu fahren. Irgendetwas kam aber immer dazwischen. Heute ist es ME\/CFS, das vieles schwer macht. Aber ich glaube trotzdem daran, dass wir es eines Tages schaffen.<br>Bis dahin schnuppert Lisa wenigstens schon Rennluft bei den deutschen Rennen.<br>Und ich fahre weiter. F\u00fcr uns beide.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manche Menschen haben einen Kindheitstraum, der irgendwann verloren geht.<br \/>\nMeiner stand schon sehr fr\u00fch auf zwei R\u00e4dern. 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