{"id":3355,"date":"2026-05-04T12:55:58","date_gmt":"2026-05-04T11:55:58","guid":{"rendered":"https:\/\/under-a-rest.me\/?p=3355"},"modified":"2026-05-06T07:46:49","modified_gmt":"2026-05-06T06:46:49","slug":"ich-habe-in-jahrzehnten-noch-nichts-erlebt-das-mir-als-arzt-so-angst-macht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/under-a-rest.me\/en\/ich-habe-in-jahrzehnten-noch-nichts-erlebt-das-mir-als-arzt-so-angst-macht\/","title":{"rendered":"&#8222;Ich habe in Jahrzehnten noch nichts erlebt, das mir als Arzt so Angst macht&#8220;"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich hatte neulich ein Gespr\u00e4ch mit einem Arzt, der mich nicht behandelt. Wir kannten uns vorher fl\u00fcchtig, er hatte lediglich meine Keynote \u00fcber meine Erkrankung bei der Female Vision Gala geh\u00f6rt und mich daraufhin kontaktiert. Daraus entstand ein Telefonat, ohne klassische Rollen, ohne Zeitdruck, ohne das \u00fcbliche medizinische Setting, in dem alles sofort sortiert und eingeordnet werden muss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es begann, wie solche Gespr\u00e4che oft beginnen: mit der Frage, die eigentlich immer kommt, aber selten wirklich gemeint ist. \u201eWie f\u00fchlt sich ME\/CFS an?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich h\u00f6rte mich antworten, so wie ich es mir \u00fcber Jahre antrainiert hatte. Verst\u00e4ndlich, kompakt, anschlussf\u00e4hig f\u00fcr Menschen ohne Vorwissen. \u201eJoa, wie eine kaputte Batterie.\u201c Dann folgen die S\u00e4tze, die ich gut kenne. Die Erkl\u00e4rungsschablonen, die funktionieren, wenn man versucht, eine Krankheit zu beschreiben, die sich eigentlich jeder direkten \u00dcbersetzung und jedem Verst\u00e4ndnis entzieht. Energie als limitierte Ressource. Crashs nach \u00dcberlastung. Das st\u00e4ndige Abw\u00e4gen, was ein Moment im Heute im Morgen kostet. Und all das, was sich nach au\u00dfen noch halbwegs greifbar machen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf der anderen Seite des Telefons Stille. Keine h\u00f6fliche F\u00fcllstille, sondern eine, die wirklich etwas verarbeitet. <br>Dann sagt er: \u201eIch meinte &#8211; wie f\u00fchlt sich das tats\u00e4chlich an? Ich habe keine Ber\u00fchrungspunkte mit der Erkrankung, es ist nicht mein Fachgebiet. Ich versuche es zu verstehen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und in diesem Moment passiert etwas, das ich selbst erst im Nachhinein richtig einordnen konnte. Ich werde still. Das ist selten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe in den letzten Jahren gelernt, mit Sprache Br\u00fccken zu bauen, wo eigentlich keine vorgesehen sind. Ich habe gelernt, Dinge zu erkl\u00e4ren, die sich im eigenen K\u00f6rper nicht linear erkl\u00e4ren lassen. Ich habe gelernt, wie man Symptome so beschreibt, dass sie f\u00fcr Au\u00dfenstehende nicht sofort in abstrakte Distanz rutschen. Aber diese Frage war anders gestellt. Nicht als Einstieg in eine schnelle Einordnung, sondern als echtes Interesse am Erleben selbst &#8211; und das von einem Mediziner. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und pl\u00f6tzlich gibt es keine fertige Version mehr. Ich fragte ihn, wie viel Zeit er denn hat. Er sagte: &#8222;Ich nehme mir die Zeit, die wir brauchen.&#8220; Und dann begann ich anders zu sprechen. Weniger sortiert. N\u00e4her dran an dem, was es tats\u00e4chlich ist. Plus dass ich mich das erste Mal mit jemandem unterhalten konnte, der tats\u00e4chliches medizinisches und biochemisches Verst\u00e4ndnis hat und f\u00fcr den ich nicht alles auf die einfachste Laienform herunterbrechen musste. Und das alles noch ohne Zeitdruck. Wenn ich sonst beim Arzt bin, f\u00fchle ich mich meist wie im Job. Ich pitche meine Krankheit, wie ich sonst Konzepte bei Kunden gepitcht habe. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich erkl\u00e4rte ihm meine Schmerzen, die nicht unbedingt dramatisch wirken m\u00fcssen, um konstant da zu sein. Ich beschreibe den ME-typischen Zustand der neuroimmunologischen \u00dcberlastung, diesen Punkt, an dem das System nicht mehr \u201eerm\u00fcdet\u201c ist, sondern regelrecht herunterf\u00e4hrt, als w\u00fcrde der K\u00f6rper in einen Schutzmodus wechseln, der gleichzeitig alles andere abschaltet. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich erz\u00e4hle von diesem Moment, in dem kognitive Funktionen einfach verschwinden. Nicht im Sinne von Vergesslichkeit, sondern als ob der Zugriff auf Ged\u00e4chtnis und Denken kurzzeitig nicht mehr m\u00f6glich ist. S\u00e4tze brechen ab. Gedanken verlieren ihre Struktur. Dinge, die eben noch klar waren, sind pl\u00f6tzlich nicht mehr erreichbar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und ich spreche \u00fcber das, was sich oft nicht in Symptome \u00fcbersetzen l\u00e4sst: die soziale Dimension, das langsame Verschwinden aus Gespr\u00e4chen, aus Planungen, aus Normalit\u00e4t. Nicht aus Entscheidung, sondern aus biologischer Konsequenz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er h\u00f6rt zu. Unterbricht nicht. Ordnet nicht ein. Er versucht, Verbindungen zu ziehen zu seinen Erfahrungen aus der Onkologie. Nicht um zu vergleichen, sondern um ein Gef\u00fchl daf\u00fcr zu bekommen, wie sich solche Zust\u00e4nde in anderen Krankheitsbildern vielleicht ann\u00e4hern. Er fragt nach Medikamenten, nach Versuchen, nach biochemischen Ans\u00e4tzen, die ich ausprobiert habe, weil es in vielen F\u00e4llen eben keine klaren Leitlinien gibt. Und w\u00e4hrend dieses Gespr\u00e4chs entstand etwas, f\u00fcr mich sehr, Ungew\u00f6hnliches: kein Versuch, das Ganze sofort zu l\u00f6sen. <br>Kein \u201ewir probieren das jetzt und dann wird es besser\u201c. Keine schnelle Reparaturlogik. Kein &#8222;Kennen Sie das und das?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unser Gespr\u00e4ch bekam dadurch eine ganz andere Dynamik. Denn seien wir ehrlich: Fast alle medizinischen Gespr\u00e4che sind gepr\u00e4gt von einer Haltung, die implizit davon ausgeht, dass jedes Problem prinzipiell l\u00f6sbar ist, wenn man nur die richtige Kombination findet. Diese Haltung ist in vielen Bereichen der Medizin auch sinnvoll und notwendig. Aber sie hat eine Schattenseite. Denn sie setzt voraus, dass alles, was nicht schnell l\u00f6sbar ist, entweder noch nicht richtig verstanden wurde oder irgendwann in dieses Muster passen wird. ME\/CFS passt bisher aber in dieses Muster nur sehr begrenzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und irgendwann sagt er etwas, das sich nicht wie eine professionelle Floskel anh\u00f6rte, sondern wie eine ehrliche Grenzmarkierung eines erfahrenen Arztes: \u201eIch sage es Ihnen ganz ehrlich. Ich habe in all meinen Jahrzehnten Berufserfahrung so etwas noch nicht erlebt. Und es macht mir als Arzt eine Schei\u00dfangst.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Satz hat gesessen. Er war einfach ehrlich. Und ich habe es das erste Mal von einem Arzt direkt so geh\u00f6rt. Ohne etwas sch\u00f6nzureden,  er hat es nicht distanziert formuliert. Er hat es nicht in Fremdsprache verpackt. Er hat keine Heilversprechen gegeben, die er nicht geben konnte. Er war einfach ehrlich. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ver\u00e4ndert etwas im Raum zwischen uns. Weil er etwas sichtbar macht, das sonst oft unsichtbar bleibt: die Grenze von Erfahrung. Und, dass auch \u00c4rzte einfach nur Angst haben, wenn sie etwas Unerkl\u00e4rliches vor sich haben. Er hat keine Angst vor pers\u00f6nlichem Versagen. Sondern vor der Konfrontation mit etwas, das sich nicht in das bisherige medizinische Repertoire einf\u00fcgt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr mich war das in \u00fcber 7 Jahren das erste Mal ein Moment von Klarheit. Dass hier jemand sitzt, der nicht so tut, als h\u00e4tte er das schon irgendwo einsortiert gesehen. Und gleichzeitig jemand, der nicht wegschaut. Niemand, der mir vor den Kopf st\u00f6\u00dft. Niemand, der mich nicht ernst nimmt. Niemand, der so tut, als wisse er, was zu tun ist. Diese Kombination ist selten. Ich habe in den letzten sieben Jahren viele Gespr\u00e4che gef\u00fchrt, viele Erkl\u00e4rungen gegeben, viele Versuche gemacht, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Oft mit dem Gef\u00fchl, dass am Ende doch nur das h\u00e4ngen bleibt, was sich leicht einordnen l\u00e4sst. \u201echronisch m\u00fcde\u201c, \u201eersch\u00f6pft\u201c, \u201ebelastet\u201c. Aber ME\/CFS ist kein Zustand, der sich in solche Verk\u00fcrzungen fassen l\u00e4sst, ohne dass etwas Wesentliches verloren geht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und genau deshalb ist die Frage \u201eWie f\u00fchlt sich das an?\u201c so zentral. Nicht, weil sie alles erkl\u00e4rt. Sondern weil sie verhindert, dass man zu fr\u00fch aufh\u00f6rt zuzuh\u00f6ren. Und wenn man etwas nicht versteht, dann kann die \u00dcbermittlung des Gef\u00fchls doch auch in anderen Situationen helfen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Direkte Beispiele aus dem Leben: Ich wurde noch nie von einem Auto angefahren. Aber mein Mann. Und ich habe ihn gefragt, als es damals passiert ist, wie er sich gef\u00fchlt hat. Um zu verstehen, wie er sich f\u00fchlt, und zu wissen, wo und wie ich helfen kann. Ich habe keine Ahnung, wie sich Krebs anf\u00fchlt, aber ich habe eine Frau gefragt, die bereits zwei schwere Krebsdiagnosen \u00fcberlebt hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und genauso war mein Gespr\u00e4ch mit dem Arzt. Dieses Gespr\u00e4ch hat keine L\u00f6sung gebracht. Nicht f\u00fcr ihn oder mich. Es hat keine neue Therapie hervorgebracht. Es hat nichts \u201egel\u00f6st\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber es hat etwas anderes getan, das im medizinischen Alltag oft untersch\u00e4tzt wird: Es hat Raum geschaffen f\u00fcr Beschreibung, die nicht sofort in Behandlung \u00fcbersetzt werden muss. Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem sich etwas \u00e4ndern k\u00f6nnte?  Nicht durch die Illusion, dass man alles sofort reparieren kann. Sondern durch die Bereitschaft eines Au\u00dfenstehenden, erstmal wirklich zu verstehen, was da eigentlich passiert. Auch dann, wenn die Antwort nicht beruhigend ist. Und vielleicht gerade dann.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich hatte neulich ein Gespr\u00e4ch mit einem Arzt, der mich nicht behandelt. Wir kannten uns vorher fl\u00fcchtig, er hatte lediglich meine Keynote \u00fcber meine Erkrankung bei der Female Vision Gala geh\u00f6rt und mich daraufhin kontaktiert. 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