{"id":1908,"date":"2025-11-02T19:08:00","date_gmt":"2025-11-02T18:08:00","guid":{"rendered":"https:\/\/under-a-rest.me\/?p=1908"},"modified":"2026-04-06T19:09:32","modified_gmt":"2026-04-06T18:09:32","slug":"spitzensport-m-e-und-die-frage-wie-viel-ein-mensch-aushalten-kann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/under-a-rest.me\/en\/spitzensport-m-e-und-die-frage-wie-viel-ein-mensch-aushalten-kann\/","title":{"rendered":"Spitzensport, M.E. und die Frage, wie viel ein Mensch aushalten kann\u00a0"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein Mann brachte mir letztens in Dresden das Buddy Mag mit. Auf dem Titel: Rick Zabel, mit dem Satz:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch habe in meiner Zeit als Profisportler und im Nachwuchsbereich so oft den inneren Schweinehund besiegt, dass ich m\u00fcde davon bin.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich lachte m\u00fcde. Denn ich sa\u00df um zehn Uhr morgens in einem Caf\u00e9 in Dresden, wartete auf mein Essen und auf eines unserer Vereinsmitglieder und hatte den inneren Schweinehund bis dahin schon &nbsp;mindestens zehnmal besiegt:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beim Aufstehen.<br>Beim Gang ins Bad.<br>Beim Versuch, wieder vom WC aufzustehen.<br>Beim Schminken.<br>Beim Anziehen.<br>Beim Gedanken: <em>\u201eNicht einfach liegen bleiben, die Schmerzen sind zu viel.\u201c<\/em><br>Beim Weg zum Caf\u00e9.<br>Beim Hinsetzen auf einen Barhocker, von dem ich nicht wusste, wie lange ich ihn ertragen w\u00fcrde, denn sitzen ohne Lehne erfordert eine Menge K\u00f6rperspannung und die Kraft daf\u00fcr habe ich aktuell nicht.<br>Beim Bleiben, obwohl die Musik zu laut war.<br>Beim Versuch, zu essen, obwohl der Tisch zu hoch war und meine Arme kaum mitmachten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich sa\u00df da und dachte: W\u00fcrde jemand ein Interview \u00fcber meinen Schweinehund f\u00fchren wollen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u201eDie roten Bereiche\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Interview las ich dann: \u201eIch liebe Sport immer noch, aber wenn es in diese tiefroten Bereiche geht, in denen man auch mental stark sein muss \u2013 zu denen habe ich einen gesunden Abstand gewonnen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese <em>roten Bereiche<\/em> sind f\u00fcr Sportler das, was St\u00e4rke definiert: der kontrollierte Schmerz, das bewusste \u00dcberschreiten der Grenze, das Trainieren der Disziplin. Sie sind kurz, intensiv, kalkuliert. Und sie enden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was ist, wenn die rote Zone nie endet?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr Menschen mit ME\/CFS existiert keine Abgrenzung zwischen Belastung und Erholung. Die rote Zone ist kein Moment. Sie ist ein Zustand. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der K\u00f6rper l\u00e4uft im Dauer-Alarm. Das Nervensystem bleibt auf Anschlag. Selbst Ruhe ist Anstrengung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und genau darin liegt das Paradoxon: Man muss mental aus Titan sein, um diesen Zustand \u00fcberhaupt auszuhalten, aber man darf keine Energie darauf verwenden, ihn aktiv zu bek\u00e4mpfen.<br>Jede Emotion, jeder Gedanke zu viel kann das fragile Gleichgewicht kippen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist kein \u201eKampfgeist\u201c. Das ist \u00dcberleben im Ausnahmezustand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Der Unterschied: Vorbereitung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Spitzensportler trainiert \u00fcber Jahre, um Schmerz, Entbehrung und Ersch\u00f6pfung auszuhalten. Er lernt, sie zu kontrollieren. Er lernt, sie einzuordnen. Er hat Werkzeuge, Routinen, Erholungsphasen. Menschen um sich, die immer wissen was zu tun ist.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Mensch mit ME\/CFS bekommt keine Vorbereitung.<br>Er wacht eines Tages in einem K\u00f6rper auf, der nicht mehr funktioniert und muss sofort mindestens dieselbe mentale Disziplin entwickeln, die Profisportler \u00fcber Jahrzehnte aufbauen. Nur ohne Trainer. Ohne Pause. Ohne Applaus. Mit Verlusten. Gegen ein System, was nicht unterst\u00fctzt. Niemand um sich, der ihm sagen kann, was zu tun ist.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Biologisch gesehen: zwei Extreme<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Spitzensport und ME\/CFS sind beides Grenzzust\u00e4nde, aber sie beruhen auf gegens\u00e4tzlichen Mechanismen.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Beim Sportler arbeitet das System <strong>adaptiv<\/strong>: Mitochondrien steigern ATP, das Nervensystem reguliert flexibel, Cortisol bleibt rhythmisch.<\/li>\n\n\n\n<li>Bei ME\/CFS ist das System <strong>dysreguliert<\/strong>: Mitochondrien produzieren zu wenig ATP, das autonome Nervensystem bleibt im Dauerstress, Neuroinflammation blockiert Erholun, Cortisol f\u00e4llt zu fr\u00fch ab.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was f\u00fcr Sportler Wachstum bedeutet, f\u00fchrt bei ME-Patienten zum Zusammenbruch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Mentale St\u00e4rke ohne M\u00f6glichkeit zur Regeneration<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Sport ist mentale St\u00e4rke planbar. Sie wird trainiert, kanalisiert, dosiert. Bei ME\/CFS ist sie das Gegenteil: ein st\u00e4ndiger Drahtseilakt zwischen Disziplin und Selbsterhaltung. Zu viel Wille und du verschlechterst dich. Zu wenig Wille und du verlierst dich selbst. Man lebt in einem K\u00f6rper, der jede Form von Ehrgeiz bestraft, aber gleichzeitig jede Form von Aufgeben nicht zul\u00e4sst. Das ist kein Mindset. Das ist ein biologisches Paradox.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Gesellschaftlich gesehen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Gesellschaft feiert, wenn Sportler \u00fcber ihre Grenzen gehen. Aber wir haben kein Bild daf\u00fcr, wenn jemand unterhalb seiner Grenzen \u00fcberlebt. Ein Sportler, der trotz Schmerzen ins Ziel l\u00e4uft, bekommt Applaus. Ein Kranker, der sich trotz Schmerzen duscht, bekommt Zweifel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beides ist mentale St\u00e4rke. Nur dass der eine daf\u00fcr Medaillen bekommt und der andere Isolation.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und ich frage mich: Wie sollen wir mit ME-Betroffene also damit umgehen, wenn wir solche Zitate lesen? Wenn wir wissen, was es hei\u00dft, Tag und Nacht in der roten Zone zu leben. Mental aus Titan, k\u00f6rperlich aus Glas und trotzdem weiterzumachen?<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Mann brachte mir letztens in Dresden das Buddy Mag mit. Auf dem Titel: Rick Zabel, mit dem Satz: \u201eIch habe in meiner Zeit als Profisportler und im Nachwuchsbereich so oft den inneren Schweinehund besiegt, dass ich m\u00fcde davon bin.\u201c Ich lachte m\u00fcde. 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