{"id":1902,"date":"2025-11-14T19:05:00","date_gmt":"2025-11-14T18:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/under-a-rest.me\/?p=1902"},"modified":"2026-04-06T19:06:43","modified_gmt":"2026-04-06T18:06:43","slug":"eine-woche-bauchschmerzen-und-ein-system-das-selbst-krampft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/under-a-rest.me\/en\/eine-woche-bauchschmerzen-und-ein-system-das-selbst-krampft\/","title":{"rendered":"Eine Woche Bauchschmerzen. Und ein System, das selbst krampft."},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Samstagmorgen. Rechter Unterbauch. Ein Stechen, das sich anf\u00fchlt, als w\u00fcrde jemand von innen mit einem L\u00f6ffel in mir herumstochern. Dazu Durchfall, \u00dcbelkeit, Kr\u00e4mpfe. Ich drehe mich zwei Zentimeter und mein K\u00f6rper sagt: \u201eGute Entscheidung, jetzt wird\u2019s richtig lustig.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Samstagnacht ist es immer schlimmer. Mein Mann sagt: \u201eIch rufe den Notarzt.\u201c&nbsp;<br>Ich murmle: \u201eNein. Montag habe ich den Kontrolltermin bei der Internistin. Schilddr\u00fcse, Hashimoto, Knoten. Die ist doch genau daf\u00fcr da.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Montag: Ich und das medizinische Paralleluniversum<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eHallo, Sie sind zur Kontrolle der Schilddr\u00fcse da.\u201c<br>Ich nicke, aber hebe die Hand. \u201eJa, aber ich habe seit Samstag starke Schmerzen im rechten Unterbauch. Blinddarm-Gegend. K\u00f6nnten Sie bitte auch\u2026?\u201c<br>Sie unterbricht mich: \u201eHeute nur Schilddr\u00fcse. Oder wollen Sie Bauch?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Moment, in dem man sp\u00fcrt, dass das System gerade einen kleinen Witz machen will. Ich stehe da mit zwei brennenden Baustellen und soll mich entscheiden wie beim Mittagstisch: Tagesgericht Autoimmun-Entz\u00fcndung oder \u00dcberraschungsoption \u201am\u00f6glicher Blinddarm\u2018?<br>Ich sage: \u201eWenn ich mich entscheiden muss: Bauch.\u201c<br>Sie sagt: \u201eNein. Wir machen Schilddr\u00fcse. Sie haben daf\u00fcr einen Termin. F\u00fcr den Bauch gehen Sie zum Hausarzt.\u201c<br>Ich frage, halb verwirrt, halb schon resigniert: \u201eUnd was genau soll mein Hausarzt bei einer m\u00f6glichen Blinddarmentz\u00fcndung machen?\u201c<br>Sie: \u201eEine \u00dcberweisung. Zu mir.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Klar. Erst zu mir, damit ich zu ihr kann, damit sie dann sagt, dass ich ja eigentlich einen Termin br\u00e4uchte. Medizinisches Ping-Pong, nur ohne Spa\u00df. Ich frage, wann ich dann bei ihr drankommen w\u00fcrde.<br>\u201eKeine Ahnung, fragen Sie vorne. Wir behandeln nur nach Termin. Dienstleistervertrag.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich schlucke. Atme. Versuche h\u00f6flich zu bleiben. \u201eDann k\u00f6nnten Sie sich mir gegen\u00fcber vielleicht auch wie eine Dienstleisterin verhalten?\u201c Sie lacht. Dieses Lachen, das man normalerweise von Leuten kennt, die auf Konferenzen drei Stunden zu wenig Schlaf hatten und zu viele Menschen gesehen haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann Ultraschall. Die Schilddr\u00fcse: gr\u00f6\u00dfer. Die Knoten: \u201eheute nicht sichtbar\u201c. Die Entz\u00fcndung: \u201enoch aktiv\u201c. Ihre Empfehlung: \u201eSie m\u00fcssen das in den Griff bekommen.\u201c<br>Ich frage: \u201eWie denn bitte? Ich esse seit vier Jahren antientz\u00fcndlich. Kein Zucker, kein Alkohol, keine Zusatzstoffe. Kosmetik ohne Chemie, Putzmittel ohne alles.\u201c<br>Sie zuckt: \u201eDann wei\u00df ich auch nicht. Lesen Sie sich mal ein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann die Schilddr\u00fcsenwerte.<br>\u201eDie nehmen wir heute nicht. Die aus dem Krankenhaus reichen.\u201c<br>Ich sage: \u201eDie m\u00fcssten digital bei Ihnen liegen.\u201c<br>Sie sagt: \u201eSehe ich nicht. Da m\u00fcssen Sie sich k\u00fcmmern.\u201c Nat\u00fcrlich. Ich. Wer sonst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich gehe raus. Mein Bauch krampft, mein Kopf gl\u00fcht, und innerlich schreit etwas: <em>Das kann doch nicht euer Ernst sein.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Drau\u00dfen Nebel. Drinnen Chaos.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein Mann wartet im Auto. Ich steige ein und erz\u00e4hle. Der Nebel h\u00e4ngt \u00fcber der Stadt wie ein grauer Schal, und ich f\u00fchle mich genauso verwaschen.<br>\u201eWir fahren in die Notaufnahme\u201c, sagt er.<br>Ich sch\u00fcttele den Kopf. \u201eNein.\u201c<br>\u201eWarum nicht?\u201c<br>Ich wei\u00df es nicht genau. Vielleicht weil ME\/CFS nicht nur Energie kostet, sondern auch Nerven. Jede Instanz, jeder Raum, jede neue Person ist wie ein kleines PENE-Bingo. Dazu POTS, das gerne mal spontan Achterbahn f\u00e4hrt, plus die Aussicht auf endlose Fragen, grelles Licht, harte St\u00fchle. Aber ein Blinddarm ist kein Hobbyprojekt. Der wartet nicht.<br>Ich atme. \u201eOkay. Lass uns fahren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Notaufnahme: Willkommen im Absurdit\u00e4tenkabinett<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er setzt mich an der T\u00fcr ab, um einen Parkplatz zu suchen. Ich schleiche rein.<br>\u201eHallo, ich habe starke Schmerzen rechts im Unterbauch, Verdacht Blinddarm, ich brauche Hilfe.\u201c<br>Die Dame am Empfang schaut mich an wie jemanden, der gerade nach einem Vegan-Burger im Steakhaus gefragt hat.<br>\u201eDas ist nichts f\u00fcr die Notaufnahme. Gehen Sie zum Hausarzt.\u201c&nbsp;<br>Ich blinzele. \u201eBitte was? Ich habe starke Schmerzen. Rechts. Unterbauch.\u201c<br>Sie st\u00f6hnt. \u201eJa, habe ich geh\u00f6rt Das ist nichts f\u00fcr die Notaufnahme. Wenn dann m\u00fcssten wir Sie aber station\u00e4r aufnehmen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann machen Sie doch.<br>&#8222;Karte bitte. Ach, Sie haben eine Privat-Zusatzversicherung. Wollen Sie die Leistungen etwa nutzen?\u201c<br>Ich: \u201eKommt drauf an, welche Leistungen es \u00fcberhaupt gibt.\u201c<br>Sie seufzt: \u201eDas ist jetzt aber viel Papierkram.\u201c<br>Sp\u00e4ter sehe ich, dass es f\u00fcnf Unterschriften sind. Drei Minuten. Ich habe schon f\u00fcr Click&amp;Collect-Bestellungen mehr Papierkram gehabt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann Triage. Zwei Schwestern, dieselbe Frage, warum ich da bin. Jedes Mal erz\u00e4hle ich die Geschichte, als w\u00e4re ich eine Hotline mit nur einem Script. Der erste Arzt tastet meinen Bauch. \u201eOh. K\u00f6nnte tats\u00e4chlich eine Appendizitis sein. Wieso kommen Sie erst heute?\u201c<br>Innerlich klatscht eine Mini-Version von mir ironisch Beifall: <em>Aha. Geht doch. <\/em>Ich werde weitergeschickt zur Notaufnahme A.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Viszeralchirurgie: \u201eWir k\u00f6nnten mal reinschauen\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Fach\u00e4rztin macht Ultraschall.<br>\u201eRechts sehe ich nichts.\u201c Sie schwenkt weiter. \u201eLinks haben Sie Zysten. Wissen Sie das?\u201c<br>\u201eNein.\u201c<br>\u201eMuss sich der Gyn\u00e4kologe ansehen. Die haben bessere Technik als wir.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Okay. Noch ein Termin. Noch ein Organ. Noch ein Fachgebiet. Ich frage mich, wie es sein kann, dass ein Gyn\u00e4kologe auf dem Land bessere Technik haben kann als ein Klinikum. Dann kommt sie mit einem Satz, der so absurd ist, dass ich fast frage, ob irgendwo eine Kamera l\u00e4uft:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWir k\u00f6nnten nat\u00fcrlich mal reinschauen. Und wenn wir schon aufmachen, nehmen wir den Blinddarm direkt raus.\u201c<br>Ich hebe den Kopf. \u201eSie sehen nichts \u2013 und wollen trotzdem operieren? Einfach so?\u201c<br>\u201eNaja. Man k\u00f6nnte ja mal gucken.\u201c&nbsp;<br>Ich bin nicht in einem DIY-Workshop. Ich frage, ob am Darm etwas Auff\u00e4lliges ist, vielleicht autoimmun, ich h\u00e4tte ja schon ein paar Dinge auf der Liste.<br>Sie sagt: \u201eKeine Ahnung. Das w\u00e4re was f\u00fcr die Innere.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gut. Dann erst mal Schmerzmittel. Ich erkl\u00e4re, dass ich mit wegen Tabletten nur Novalgin nehmen darf. Am Wochenende hat es aber nichts gegen die Bauchschmerzen gebracht.<br>Sie fragt: \u201eWas haben Sie denn f\u00fcr Erkrankungen?\u201c<br>Interessant, dass das jetzt das erste Mal jemand wissen will.<br>Ich z\u00e4hle auf: ME\/CFS. POTS. Hashimoto. Stoffwechselst\u00f6rung, Blutgerinnungsst\u00f6rung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eME was? Wof\u00fcr ist die Abk\u00fcrzung?\u201c<br>Ich beginne zu erkl\u00e4ren: \u201eMyalgische Enzephalomyelitis ist eine schwere neuro\u2014\u201c<br>Sie winkt ab. \u201eAha. Sie bekommen eh nur Novalgin.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alles klar. Dann eben Novalgin, auch wenn ich sagte, dass es nicht hilft gegen die Schmerzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Warten. Warten. Und wieder dieses Gef\u00fchl von: Ich passe hier nicht rein.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich h\u00e4nge am Tropf. Mein Bauch protestiert. Mein Kopf f\u00e4hrt Achterbahn.&nbsp;<br>Dann endlich: \u201eIhre Blutwerte sind gut. Keine Appendizitis. Vielleicht Morbus Crohn oder irgendwas \u00c4hnliches. Die Innere hat aber keinen Platz f\u00fcr Sie, daher entlassen wir Sie. Nehmen Sie bis zu 4 g Novalgin t\u00e4glich und schauen Sie weiter.\u201c<br>Ich: \u201eUnd was mache ich jetzt?\u201c<br>Sie: \u201eFragen Sie Ihren Hausarzt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">T\u00fcr auf. T\u00fcr zu. Fertig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Drau\u00dfen: dieses typische, schwere Schweigen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein Mann sieht mich, und sein Blick sagt alles. Dieses: <em>Bitte nicht schon wieder so ein Gespr\u00e4ch.<\/em><br>Ich sehe gleichzeitig, wie traurig es ihn macht. Diese Ohnmacht. Er erlebt meine Gespr\u00e4che nie, aber er sieht jedes Mal mein Gesicht danach.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dann schafft er es trotzdem, mich f\u00fcr eine Sekunde aus dem Loch zu holen. \u201eSei froh, dass sie dich rauslassen. Dann schaffst du deinen Physiotermin.\u201c Sein Humor ist trocken wie Kn\u00e4ckebrot, aber genau das brauche ich manchmal.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir treffen drau\u00dfen einen ehemaligen Kollegen von ihm.<br>\u201eBlinddarm-Verdacht?\u201c<br>\u201eJa.\u201c<br>\u201eAber hat sie ja nicht, sonst w\u00fcrdet ihr hier nicht stehen. Also alles gut.\u201c<br>Mein Mann murmelt: \u201eAnscheinend langfristig.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sp\u00e4ter erz\u00e4hlt mein Mann, dass sein Kollege einen Tumor im Auge hat. Und f\u00fcr eine Millisekunde denke ich: <em>So etwas Handfestes w\u00e4re mir lieber. <\/em>Nat\u00fcrlich stimmt das nicht. Tumor ist Albtraumlevel. Aber dieses ewige Nicht-Zust\u00e4ndig-Sein, dieses Erkl\u00e4rungskarussell, dieses st\u00e4ndige \u201eDa m\u00fcssen Sie woanders hin\u201c \u2013 das bricht einen irgendwann mehr als der eigentliche Schmerz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Zuhause: Der K\u00f6rper tut weh. Die Realit\u00e4t tut mehr weh.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zuhause auf dem Sofa. Bauch gleich. Schmerz gleich. Novalgin wieder v\u00f6llig uninteressiert. Ich lese den Arztbrief und schaue mir das Labor an. Fast alle N\u00e4hrstoffe liegen im unteren Referenzbereich, manche darunter.\u201c Aha. So sieht also \u201espitzenm\u00e4\u00dfig\u201c aus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und ich sitze da und denke nur: <strong>Danke. F\u00fcr nichts. Wieder einmal.<\/strong><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Samstagmorgen. Rechter Unterbauch. 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