{"id":1893,"date":"2025-12-05T19:00:00","date_gmt":"2025-12-05T18:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/under-a-rest.me\/?p=1893"},"modified":"2026-04-06T19:01:20","modified_gmt":"2026-04-06T18:01:20","slug":"die-gleichzeitigkeit-der-dinge-oder-wie-drei-wochen-heizungschaos-meinen-koerper-an-die-wand-gefahren-haben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/under-a-rest.me\/en\/die-gleichzeitigkeit-der-dinge-oder-wie-drei-wochen-heizungschaos-meinen-koerper-an-die-wand-gefahren-haben\/","title":{"rendered":"Die Gleichzeitigkeit der Dinge.\u00a0Oder: wie drei Wochen Heizungschaos meinen K\u00f6rper an die Wand gefahren haben"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wenn das Leben gleichzeitig weiterl\u00e4uft und der K\u00f6rper stehen bleibt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seit ich <em>Die Gleichzeitigkeit der Dinge<\/em> von Husch Josten gelesen habe, denke ich oft dar\u00fcber nach, wie treffend dieser Begriff das Leben mit ME\/CFS beschreibt. Bei ihr ist es ein literarisches Motiv: dass Ereignisse, Gef\u00fchle und Realit\u00e4ten nicht sauber nacheinander passieren, sondern gleichzeitig. Dass mehrere Ebenen \u00fcbereinanderliegen und sich gegenseitig beeinflussen. Bei mir ist dieser Gedanke nicht poetisch, sondern sehr physisch. Mein Alltag besteht aus parallelen Belastungen, die sich gegenseitig verst\u00e4rken und meinen K\u00f6rper schneller \u00fcberfordern, als ich sie \u00fcberhaupt einordnen kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von au\u00dfen wirkt vieles banal. Menschen leben weiter, reagieren normal, planen normal. Sie freuen sich \u00fcber Dinge, die in ihrem Leben passieren, und ich freue mich wirklich f\u00fcr sie. Gleichzeitig sitze ich in meinem K\u00f6rper, der sich manchmal so anf\u00fchlt, als w\u00e4re ich angeschossen worden und m\u00fcsste trotzdem freundlich und klar kommunizieren. Diese Gleichzeitigkeit von Emotion und K\u00f6rperzustand ist schwer zu transportieren, weil niemand den inneren L\u00e4rm sieht, der gleichzeitig abl\u00e4uft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den letzten drei Wochen war das besonders deutlich. Unsere Heizung ist ausgefallen, immer wieder, und jedes Mal auf eine etwas andere Weise. F\u00fcr gesunde Menschen ist das l\u00e4stig, klar, aber \u00fcberschaubar: Man ruft den Monteur an, l\u00e4sst jemand kommen, unterschreibt etwas, bezahlt vielleicht eine Rechnung und zack \u2013 weiter geht\u2019s. F\u00fcr mich ist es nicht eine Aufgabe, sondern eine Reihe an Anforderungen, die sich gegenseitig hochschaukeln und meinen Zustand massiv verschlechtern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Kleine Aufgaben werden zu k\u00f6rperlichen Gro\u00dfereignissen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Aufwand beginnt schon beim Telefonieren. Dann muss ich erkl\u00e4ren, was kaputt ist, durchdenken, wann es zuletzt funktioniert hat, und hoffen, dass mein Gehirn in dem Moment pr\u00e4sent genug ist, um nicht mitten im Satz den Faden zu verlieren. Wenn dann jemand kommt, muss ich runter zur T\u00fcr. Dieser Weg, der f\u00fcr andere eine kurze Bewegung ist, ist f\u00fcr mich ein logistischer Akt: Treppen, Kreislauf, Balance, Reizverarbeitung. Ein weiteres Problem daran: wenn ich die Treppe nach unten gehe, dann muss ich den Tag auch unten bleiben. Das Erdgeschoss ist aber logischerweise die Etage in der es am k\u00e4ltesten ist. Also bedeutet das auch, die Treppe muss ich wieder hoch. W\u00e4hrenddessen friert die Wohnung weiter aus, was meinen K\u00f6rper zus\u00e4tzlich stresst, weil K\u00e4lte f\u00fcr mich kein neutraler Reiz ist. Sie l\u00f6st Verspannungen aus, verst\u00e4rkt Muskelschmerzen und macht die N\u00e4chte zum Albtraum.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Gespr\u00e4che mit dem Monteur sind anstrengender, als sie sein d\u00fcrften. Nicht wegen der Person, sondern wegen der Gleichzeitigkeit in meinem K\u00f6rper. Ich stehe da, antworte auf Fragen, versuche logisch zu bleiben, w\u00e4hrend sich gleichzeitig Schmerzen, Schwindel, Reiz\u00fcberflutung und Herzrasen vermischen. Wenn man dann noch miteinander diskutiert, weil ein Fehler mal nur sporadisch auftaucht, wird aus einem normalen Austausch ein Kraftakt, der mich stundenlang aushebelt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und weil die Heizung nur kurzzeitig funktionierte und dann wieder ausfiel, begann das Ganze immer wieder von vorne: erneuter Ausfall, erneuter Termin, erneutes Runtergehen, erneute K\u00e4lte, erneute k\u00f6rperliche Eskalation. Drei Wochen lang. In dieser Zeit wurde mir k\u00f6rperlich unglaublich deutlich, wie sehr mich solche \u201enormalen\u201c Probleme fertig machen. Ich schlafe schlechter, weil ich mich zusammenrolle, um nicht zu frieren. Morgens wache ich ger\u00e4derter auf als am Abend zuvor, weil die Muskeln verkrampft sind und sich meine Beine anf\u00fchlen, als w\u00e4ren sie noch mehr aus Beton, als sonst schon. Der Kreislauf ist instabiler, mein Gehirn z\u00e4her, meine Toleranz f\u00fcr Reize minimal.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Normale Probleme verschwinden nicht \u2013 sie treffen nur h\u00e4rter<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Missverst\u00e4ndnis, das viele Au\u00dfenstehende haben, ist schnell erkl\u00e4rt: Sie sehen nur das sichtbare Problem \u2013 die Heizung ist kaputt, aber ich muss sie ja schlie\u00dflich nicht selbst reparieren. Stimmt. Aber der Punkt ist, dass diese Dinge trotzdem passieren, dass sie organisiert werden m\u00fcssen und dass jede kleine Handlung davon Energie kostet, die ich nicht habe. Und dass diese Energie nicht nur fehlt, sondern ihre Abwesenheit unmittelbare k\u00f6rperliche Konsequenzen hat. Alles, was ich f\u00fcr die Heizung tun muss, geht zu hundert Prozent von meinem Energiekonto ab, das ohnehin schon im Minusbereich operiert. Und w\u00e4hrend ich mich um das Problem k\u00fcmmere, entsteht gleichzeitig das n\u00e4chste Problem: K\u00e4lte verschlechtert meine Symptome, die verschlechtern meinen Schlaf, der Schlaf verschlechtert meine Erholung, und die fehlende Erholung macht es schwieriger, erneut mit einem Monteur zu sprechen oder \u00fcberhaupt etwas auf die Reihe zu bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist die Gleichzeitigkeit der Dinge in meinem Leben: Das Leben h\u00f6rt nicht auf, w\u00e4hrend ich krank bin. Es stellt mir dieselben Aufgaben wie jedem anderen und erwartet dieselben Reaktionen, w\u00e4hrend mein K\u00f6rper in einem v\u00f6llig anderen Zustand operiert. Ich muss funktionieren, obwohl ich nicht funktioniere. Ich muss mich k\u00fcmmern, obwohl mein K\u00f6rper nach Ruhe schreit. Ich muss Entscheidungen treffen, w\u00e4hrend mein Nervensystem schon damit besch\u00e4ftigt ist, nicht zusammenzuklappen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Gleichzeitigkeit ist nicht philosophisch, sie ist anstrengend. Man kann sich f\u00fcr andere freuen und gleichzeitig das Gef\u00fchl haben, dass der eigene K\u00f6rper im Tunnel feststeckt. Man kann eine kaputte Heizung objektiv als kleines Problem einordnen und gleichzeitig sp\u00fcren, wie sie die n\u00e4chste PENE-Risiko\u00adwelle lostritt. Man kann wissen, dass etwas niemandes Schuld ist, und trotzdem k\u00f6rperlich darunter zusammenfallen. Und man kann verstehen, dass Au\u00dfenstehende denken \u201eMensch Lisa, was ist denn das Problem? Du musst es doch nicht reparieren\u201c, und gleichzeitig merken, dass genau diese Art normaler Lebenssituationen bei uns alles aus dem Gleichgewicht bringt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Ende bleibt ein Gef\u00fchl, das schwer zu vermitteln ist: Die Welt funktioniert auf ihrer Geschwindigkeit weiter, und mein K\u00f6rper tut es nicht. Ich existiere zwischen diesen beiden Rhythmen und versuche, nicht komplett dazwischen zerrieben zu werden. Das ist die Realit\u00e4t. Eine Realit\u00e4t aus parallelen Anforderungen, parallelen Symptomen und parallelen Lebenssituationen, die in mir aufeinandertreffen und meinen K\u00f6rper oft weit \u00fcber seine Grenzen schieben. Und trotzdem mache ich weiter, Schritt f\u00fcr Schritt, manchmal eher kriechend, aber immer irgendwie vorw\u00e4rts \u2013 weil es keine Pause-Taste gibt, weder f\u00fcr das Leben noch f\u00fcr die Krankheit.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn das Leben gleichzeitig weiterl\u00e4uft und der K\u00f6rper stehen bleibt Seit ich Die Gleichzeitigkeit der Dinge von Husch Josten gelesen habe, denke ich oft dar\u00fcber nach, wie treffend dieser Begriff das Leben mit ME\/CFS beschreibt. Bei ihr ist es ein literarisches Motiv: dass Ereignisse, Gef\u00fchle und Realit\u00e4ten nicht sauber nacheinander passieren, sondern gleichzeitig. 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