{"id":1878,"date":"2026-01-11T18:52:00","date_gmt":"2026-01-11T17:52:00","guid":{"rendered":"https:\/\/under-a-rest.me\/?p=1878"},"modified":"2026-04-06T18:54:12","modified_gmt":"2026-04-06T17:54:12","slug":"was-mir-an-me-wirklich-angst-macht-ist-die-fehlende-perspektive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/under-a-rest.me\/en\/was-mir-an-me-wirklich-angst-macht-ist-die-fehlende-perspektive\/","title":{"rendered":"Was mir an ME wirklich Angst macht, ist die fehlende Perspektive"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Fr\u00fcher war da immer ein Sicherheitsnetz<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn ich ehrlich bin, war mein Job schon immer anstrengend. Er nervte manchmal, ich fluchte innerlich und dachte dar\u00fcber nach, ob ich irgendwann etwas anderes machen m\u00f6chte. Diese Gedanken sind nicht besonders dramatisch, sie geh\u00f6ren einfach zum Arbeiten dazu. Fast alle Menschen haben sie irgendwann. Der Unterschied war fr\u00fcher, dass sie mir keine Angst gemacht haben, weil ich immer wusste: Wenn es hart auf hart kommt, finde ich schon etwas anderes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieses Wissen war wie ein Sicherheitsnetz. Ich hatte Alternativen im Kopf. Gastronomie zum Beispiel, das habe ich fr\u00fcher gemacht. Anstrengend, k\u00f6rperlich fordernd, aber hat mir immer sehr viel Spa\u00df gebracht. Assistenz, Organisation, irgendwas, wo man gebraucht wird. Ich habe mehrere Abschl\u00fcsse in verschiedenen Bereichen und selbst wenn wirklich alles schiefgeht, dachte ich immer, dann sitze ich halt an einer Kasse oder gehe putzen. Nicht aus Resignation, sondern aus \u00dcberzeugung. Das sind wichtige Jobs. Arbeit war f\u00fcr mich nie eine Frage von Status, sondern von Verantwortung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Eine M\u00fcnze, zwei St\u00e4dte und viel Selbstverst\u00e4ndlichkeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach dem Studium war dieses Gef\u00fchl von Sicherheit sogar noch gr\u00f6\u00dfer. Ren\u00e9 und ich haben damals eine M\u00fcnze geworfen, um zu entscheiden, ob wir nach Hamburg oder nach M\u00fcnchen ziehen. Kopf oder Zahl, Hamburg oder M\u00fcnchen, und dann los. Es wurde Hamburg. Wir haben das N\u00f6tigste eingepackt, den Rest verkauft, und sind einfach umgezogen. Wir wussten, dass wir beide schnell Jobs finden w\u00fcrden. Und genau so war es auch. Diese Beweglichkeit, diese Selbstverst\u00e4ndlichkeit, dass man sein Leben einfach neu sortieren kann, war tief in mir verankert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Der Moment vor dem B\u00e4cker<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Letztens bin ich an einem B\u00e4cker vorbeigelaufen und hatte den Gedanken: K\u00f6nnte ich das eigentlich noch machen? Und zum ersten Mal kam die Antwort ohne Z\u00f6gern und ohne Ausweichman\u00f6ver: Nein. Das geht nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht im Sinne von \u201edas w\u00e4re sehr anstrengend\u201c, sondern ganz konkret k\u00f6rperlich. Ich kann nicht mehrere Stunden stehen. Ich kann keine fr\u00fchen Schichten abfangen, keine wechselnden Arbeitszeiten ausgleichen, keine Belastung wegstecken. Ich kann mich nicht mehr darauf verlassen, dass mein K\u00f6rper einfach funktioniert, wenn ich ihn brauche.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wenn Belastung krank macht<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was viele dabei nicht sehen, ist, dass es nicht um M\u00fcdigkeit geht. Bei ME\/CFS bedeutet Belastung oft PENE, Post-Exertional Neuroimmune Exhaustion. Eine deutliche Verschlechterung der Symptome nach k\u00f6rperlicher oder geistiger Anstrengung, h\u00e4ufig zeitverz\u00f6gert und nicht vorhersehbar. Das ist nichts, was sich durch Training, Willenskraft oder gutes Management l\u00f6sen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Grenzen zeigen sich nicht nur im Job, sondern auch im Alltag. Selbst zu Hause kann ich k\u00f6rperliche Arbeit nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich erledigen. Putzen, aufr\u00e4umen, Dinge erledigen, all das muss geplant oder aufgeteilt werden, weil die Konsequenzen sonst zu gro\u00df sind. Und genau da wurde mir klar, was mich eigentlich so verunsichert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Arbeiten geht, weil mir entgegengekommen wird<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieses Sicherheitsnetz, das ich immer hatte, existiert nicht mehr. Wenn mein aktueller Job wegf\u00e4llt, dann f\u00e4llt nicht nur ein Arbeitsplatz weg, sondern auch die Vorstellung, wie ich mich beruflich auffangen k\u00f6nnte. Ich kann nicht einfach \u201eerstmal was anderes machen\u201c. Ich kann nicht zur\u00fcck in alte Jobs. Nicht, weil ich sie nicht will, sondern weil ich sie k\u00f6rperlich nicht kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei habe ich im Moment gro\u00dfes Gl\u00fcck. Ich arbeite seit vielen Jahren bei meinem Arbeitgeber, und genau das hat mir M\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnet, die l\u00e4ngst nicht selbstverst\u00e4ndlich sind. Meine Aufgaben wurden angepasst, Strukturen ver\u00e4ndert, Erwartungen verschoben. Ich kann nach meinen M\u00f6glichkeiten und nach meinem aktuellen Zustand arbeiten, mit R\u00fccksicht auf Pausen, Belastungsgrenzen und Ausf\u00e4lle. Ich bekomme Unterst\u00fctzung, Verst\u00e4ndnis und Vertrauen. Daf\u00fcr bin ich sehr dankbar. Ohne diese Offenheit w\u00e4re Arbeiten f\u00fcr mich aktuell nicht mehr m\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und trotzdem bleibt diese Angst, weil ich wei\u00df, wie fragil dieses Gleichgewicht ist. Ich habe im Grunde aktuell genau einen Plan, und der funktioniert nur, weil viele Rahmenbedingungen mitziehen. Er h\u00e4ngt an Menschen, an Strukturen und an einem guten Willen, der nicht \u00fcberall vorausgesetzt werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Spontanit\u00e4t ist kein Konzept mehr<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese fehlende Perspektive zeigt sich aber nicht nur im Beruf. Sie zeigt sich auch im Leben insgesamt. Ein spontaner Umzug, weil es irgendwo f\u00fcr Ren\u00e9 einen besseren Job g\u00e4be, steht f\u00fcr uns nicht mehr zur Debatte. Fr\u00fcher h\u00e4tten wir dar\u00fcber kaum nachgedacht. Heute w\u00e4re das ein komplexes Projekt mit unz\u00e4hligen offenen Fragen. Gibt es dort \u00c4rztinnen oder \u00c4rzte, die mich behandeln k\u00f6nnen? Wie sieht die Versorgung aus? Finden wir eine Wohnung, die unsere Lebensumst\u00e4nde verbessert und nicht verschlechtert? Ist sie ruhig genug, zug\u00e4nglich genug, passend genug f\u00fcr einen Alltag mit ME\/CFS?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Abh\u00e4ngigkeiten machen jede Entscheidung schwerer. Sie nehmen Spontaneit\u00e4t, Leichtigkeit und Spielraum. Dinge, die fr\u00fcher selbstverst\u00e4ndlich waren, werden zu Risikoabw\u00e4gungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Dankbar und trotzdem voller Angst<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fr\u00fcher hatte ich immer Plan B, C und D. Heute gibt es diesen gedanklichen Raum nicht mehr. Nicht aus mangelnder Fantasie, sondern aus realen k\u00f6rperlichen Grenzen. Und das ist schwer auszuhalten, gerade f\u00fcr jemanden, der sich immer als belastbar, flexibel und einsatzf\u00e4hig erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich hatte nie Angst davor, unten anzufangen oder mich neu zu orientieren. Ich hatte nie Angst vor Arbeit. Und genau deshalb trifft es mich so, dass diese innere Sicherheit weg ist. Nicht, weil ich nicht will. Sondern weil ich nicht kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich wei\u00df, dass ich im Moment viel Unterst\u00fctzung habe. Ich wei\u00df, dass ich dankbar sein kann. Und das bin ich auch. Dankbarkeit und Angst schlie\u00dfen sich nicht aus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Eine offene Frage<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">ME\/CFS nimmt einem nicht nur Energie oder Gesundheit. Es nimmt auch berufliche Selbstverst\u00e4ndlichkeiten und Zukunftsentw\u00fcrfe. Es zwingt einen, \u00fcber Dinge nachzudenken, die f\u00fcr andere schnell gesagt sind: \u201eDann machst du halt was anderes.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht stimmt das. Vielleicht aber auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und genau diese Ungewissheit ist es, die mir gerade am meisten Angst macht. Nicht der heutige Zustand, sondern die fehlende Vorstellung davon, wie es weitergehen kann. Ich habe darauf im Moment keine Antwort. Und das ist schwerer, als ich lange wahrhaben wollte.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fr\u00fcher war da immer ein Sicherheitsnetz Wenn ich ehrlich bin, war mein Job schon immer anstrengend. Er nervte manchmal, ich fluchte innerlich und dachte dar\u00fcber nach, ob ich irgendwann etwas anderes machen m\u00f6chte. Diese Gedanken sind nicht besonders dramatisch, sie geh\u00f6ren einfach zum Arbeiten dazu. 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