{"id":1863,"date":"2026-02-15T18:45:00","date_gmt":"2026-02-15T17:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/under-a-rest.me\/?p=1863"},"modified":"2026-04-06T18:46:51","modified_gmt":"2026-04-06T17:46:51","slug":"koenntest-du-bitte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/under-a-rest.me\/en\/koenntest-du-bitte\/","title":{"rendered":"K\u00f6nntest du bitte\u2026?\u00a0"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Frage bekomme ich oft gestellt. \u201eHast du denn gar nichts gemerkt?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es sind nicht die gro\u00dfen Dinge, die mich manchmal aus dem Gleichgewicht bringen. Nicht die Diagnosen, nicht die Arzttermine, nicht die offensichtlichen Einschr\u00e4nkungen. Es sind die kleinen, beil\u00e4ufigen Momente. Heute Morgen zum Beispiel, als ich durch die obere Etage gegangen bin und \u00fcberall Zeug von mir herumlag. Dinge von der letzten Reise, Sachen, die eigentlich nach unten m\u00fcssten, W\u00e4sche, die gewaschen werden sollte. Nichts Dramatisches. Nichts, was fr\u00fcher auch nur eine Erw\u00e4hnung wert gewesen w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Badm\u00fcll ist \u00fcbervoll. Nicht, weil ich unachtsam bin, sondern weil Ren\u00e9 mir neue, wirklich sch\u00f6ne Klamotten gekauft hat. Die Verpackung h\u00e4tte runtergemusst. H\u00e4tte. Die Treppe war zu viel. Also blieb der M\u00fcll da, wo er war, und ich ging weiter. Mit diesem leisen, unangenehmen Ziehen im Bauch, das sich meldet, wenn etwas eigentlich selbstverst\u00e4ndlich sein sollte, es aber nicht mehr ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ren\u00e9 rei\u00dft sich beide Beine aus, damit hier alles funktioniert. Und genau deshalb kommt dann manchmal diese tiefe Traurigkeit. Nicht pl\u00f6tzlich. Sie legt sich eher wie ein schwerer Schleier \u00fcber alles. Still. Beharrlich. Kaum zu greifen, aber deutlich zu sp\u00fcren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir wohnen auf drei Etagen. Fr\u00fcher war das keine Erw\u00e4hnung wert. Treppen waren einfach Teil des Hauses. Heute gibt es Wochen, da halte ich mich am Gel\u00e4nder fest, Schritt f\u00fcr Schritt, konzentriert darauf, nicht zu stolpern, nicht zu schnell zu sein. In manchen dieser Wochen kann ich nicht einmal etwas mitnehmen. Keine Socke. Kein Glas. Kein St\u00fcck Papier. Meine H\u00e4nde bleiben leer, weil mein K\u00f6rper schon genug zu tun hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dann sehe ich sie \u00fcberall, diese kleinen sichtbaren Zeichen davon. Ich habe Ren\u00e9 vor einiger Zeit gebeten, Bilder umzuh\u00e4ngen. Er hat es nat\u00fcrlich gemacht. Ohne Diskussion. Ohne Z\u00f6gern. Aber die alten L\u00f6cher sind noch da. Fr\u00fcher w\u00e4re ich einfach in die Werkstatt gegangen, h\u00e4tte Spachtelmasse geholt, gestrichen, fertig. Ich h\u00e4tte die Bilder selbst aufgeh\u00e4ngt, die M\u00f6bel verschoben, den Raum so lange ver\u00e4ndert, bis er sich richtig anf\u00fchlt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das war mein Ding. Mein gro\u00dfes Ding.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fast jedes Jahr habe ich mir ein Zimmer ausgesucht und es komplett neu gedacht. Wirklich komplett. Neuer Stil, neue Farben, neue M\u00f6bel, neue Anordnung. Ich habe stundenlang auf Kleinanzeigen gesucht, Dinge verkauft, andere gefunden, kombiniert, neu bewertet. Immer mit dem Anspruch, es sch\u00f6n zu machen, stimmig, und dabei so kosteng\u00fcnstig wie m\u00f6glich. Ein Wohnzimmer war Midcentury, im n\u00e4chsten Jahr Japandi. Wir hatten Skandi, Industrial, Boho, Shabby Chic. Unser Zuhause hat sich immer wieder neu erfunden. Und ich mit ihm.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es hat mir Freude gemacht. Diese Mischung aus Kreativit\u00e4t, Planung und Umsetzung. Dieses Gef\u00fchl, etwas im Griff zu haben und gleichzeitig etwas Neues entstehen zu lassen. Wenn es zukunftsf\u00e4higer gewesen w\u00e4re, h\u00e4tte ich Innenarchitektur studiert. Nicht als gro\u00dfes Karriereziel, sondern als Erg\u00e4nzung. Nebenberuflich Menschen helfen, die sich schwertun mit Einrichtung. Sag mir dein Budget, sag mir, wer du bist, und ich mache dir dein Zuhause so, dass es zu dir passt. Das war ein stiller Traum, aber ein sehr echter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und all das widerspricht meinem Naturell heute genauso wie fr\u00fcher.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich bin so gro\u00df geworden. \u201eEin Langrock braucht keine Hilfe.\u201c Kein besonders kluger Satz, und er hat mir im Leben mehr als einmal Probleme gemacht. Aber er sitzt tief. Ich war immer die, die alleine klarkommt, die erst macht und dann vielleicht merkt, dass es zu viel war. Die nicht fragt, sondern l\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcber mein Leben hinweg habe ich gelernt, dass Hilfe anzunehmen nichts Schlechtes ist. Dass es nicht schwach macht. Dass es nicht bedeutet, weniger wert zu sein. Das war ein Prozess, aber ich bin da angekommen. Ich kann heute sagen: Ja, es ist okay, sich helfen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber es gab Bereiche, in denen ich keine Hilfe brauchte. Und einer davon war genau dieses M\u00f6belding.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das war mein Spielfeld. Mein K\u00f6nnen. Ich wusste, wie schwer ein Schrank ist. Ich wusste, wie man ihn tr\u00e4gt, wie man ihn dreht, ohne den Boden zu ruinieren. Ich wusste, wie man aus wenig Geld viel Raum macht. Da war ich souver\u00e4n. Sicher. Frei. Und genau deshalb tut es so weh, dass ausgerechnet das jetzt weg ist. Nicht, weil ich Hilfe brauche, sondern weil mir etwas genommen wurde, das immer meins war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute scheitere ich am Weg in die Garage. Und ich hasse das. Nicht ein bisschen. Sondern richtig. Diese Traurigkeit kommt nicht daher, dass ich Ren\u00e9 um Hilfe bitten muss. Er hilft. Immer. Ohne Z\u00f6gern, ohne Vorwurf, ohne Augenrollen. Sie kommt daher, dass ich mich selbst dabei ertappe, abzuw\u00e4gen, ob ich \u00fcberhaupt fragen darf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Darf ich wirklich sagen: K\u00f6nnten wir das Band neu machen? K\u00f6nntest du die M\u00f6bel noch in den Keller tragen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend er arbeitet,<br>f\u00fcr den Verein arbeitet,<br>mich pflegt,<br>einkauft,<br>den Garten macht,<br>unser Ferienhaus renoviert,<br>mich zum Lachen bringt,<br>mir zuh\u00f6rt,<br>mich f\u00e4hrt,<br>seinen Sport macht,<br>sich um Freunde und Familie k\u00fcmmert,&nbsp;<br>sich um B\u00fcrokratie k\u00fcmmert,&nbsp;<br>und nebenbei den Haushalt schmei\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dann stehe ich innerlich da und denke: Wer glaubst du eigentlich, wer du bist?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist der Teil von Krankheit, \u00fcber den kaum gesprochen wird. Nicht das Kranksein selbst, sondern dieses st\u00e4ndige innere Abw\u00e4gen. Dieses Sich-zur\u00fccknehmen, um nicht \u201ezu viel\u201c zu sein. Dieses Gef\u00fchl, anma\u00dfend zu wirken, obwohl man einfach nur versucht, den Alltag zu leben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich will nicht zus\u00e4tzlich sein. Ich will kein weiterer Punkt auf einer ohnehin zu langen Liste sein. Ich will nicht die sein, die immer fragt. Und gleichzeitig trauere ich um die, die ich einmal war. Um die, die anpackt, umsetzt, gestaltet. Um die, die R\u00e4ume ver\u00e4ndert hat, weil sie es konnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute plane ich oft nur noch im Kopf. Ich sehe, was m\u00f6glich w\u00e4re, w\u00e4hrend der K\u00f6rper Grenzen setzt. Manchmal kann ich das akzeptieren. Manchmal funktioniert das. Und manchmal, wie heute Morgen, trifft es mich mit voller Wucht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann stehe ich zwischen \u00fcbervollem Badm\u00fcll und alten Bilderl\u00f6chern und merke, dass es hier nicht um Unordnung geht. Es geht um Verlust. Um F\u00e4higkeiten, die nicht mehr da sind. Um ein Selbstbild, das jahrelang getragen hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht alles davon wird zur\u00fcckkommen. Das wei\u00df ich. Und trotzdem darf ich traurig sein. Nicht, weil ich undankbar bin. Nicht, weil Ren\u00e9 nicht genug tut. Sondern weil ich mich selbst vermisse.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht ist das der Punkt, an dem ich aufh\u00f6ren darf, mich daf\u00fcr zu sch\u00e4men. Vielleicht darf diese Traurigkeit da sein, ohne Erkl\u00e4rung, ohne Vergleich, ohne \u201eanderen geht es schlimmer\u201c. Sie geh\u00f6rt zu diesem Leben, auch wenn ich sie mir nie ausgesucht habe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und vielleicht ist das Erste, was ich wieder gestalten darf, nicht ein Zimmer. Sondern den Umgang mit mir selbst.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Frage bekomme ich oft gestellt. \u201eHast du denn gar nichts gemerkt?\u201c Es sind nicht die gro\u00dfen Dinge, die mich manchmal aus dem Gleichgewicht bringen. Nicht die Diagnosen, nicht die Arzttermine, nicht die offensichtlichen Einschr\u00e4nkungen. Es sind die kleinen, beil\u00e4ufigen Momente. 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