A man exercises on a treadmill in a modern gym overlooking a city skyline.
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Ein Jahr voller Höhen und Tiefen – und wie war nun eigentlich eigentlich der erste Triathlon?

Ein Jahr. Mehr als ein Jahr ist es mittlerweile her, dass ich auf einem Laufband stand und plötzlich dieser Gedanke durch meinen Kopf schoss: „Warum mache ich eigentlich nicht einen Triathlon?“ Einfach so. Keine große Vorbereitung, kein Plan und ehrlich gesagt auch keine wirkliche Ahnung, was ich da eigentlich vorhatte. Ich dachte nur: Wäre doch irgendwie witzig, wenn ich irgendwann mal sagen könnte, dass ich Triathlet bin. Alle, die mich kennen, hätten mich wahrscheinlich für komplett verrückt erklärt. Aber gleichzeitig hätten sie auch gewusst: Wenn René sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, wird es schwierig, ihn davon wieder abzubringen. Ich beiße mich an solchen Gedanken fest.

Der Auslöser für diesen Gedanken war der Roth-Triathlon von Rick Zabel und das begleitende Video. Irgendwo zwischen Begeisterung, Faszination und einem kleinen Schmunzeln entstand dieser Gedanke: Was wäre eigentlich, wenn „Fettie“ – so nenne ich mich selbst gerne, in Anlehnung an Doug Heffernan aus „King of Queens“ – irgendwann einen Triathlon machen würde? Klingt erstmal ziemlich absurd. Aber dann kam ein zweiter Gedanke. Und der war wesentlich größer: Lisa kann es nicht mehr. Und so viele andere Menschen mit ME/CFS auch nicht.

Zu dieser Zeit kam gerade unsere Diagnose. Und während ich mich immer tiefer mit ME/CFS beschäftigt habe, wurde mir immer klarer, was diese Krankheit eigentlich bedeutet. Ausgrenzung. Verlust. Einschränkungen. Dinge, die früher selbstverständlich waren und plötzlich nicht mehr funktionieren. Und gleichzeitig die Frage: Was wäre, wenn es jemanden gäbe, der zeigt, dass man trotzdem füreinander da sein kann? Was wäre, wenn man Menschen, die selbst nicht mehr können, wenigstens das Gefühl gibt: Ihr seid nicht alleine. Wir sehen euch. Wir hören euch. Wir laufen für euch. Vielleicht war genau das der Moment, in dem mein Gedankenpalast komplett eskaliert ist.

Denn plötzlich stand ich auf diesem Laufband und lief meine ersten 5 Kilometer. Nicht draußen. Nicht schnell. Aber ich lief. Und ich hatte auf einmal einen Antrieb, den ich so vorher nicht kannte. Was danach passiert ist, kennen viele von euch inzwischen. Aus diesem Gedanken wurde Training. Aus Training wurde ein Ziel. Aus dem Ziel wurde Under a Rest. Und aus Under a Rest wurde eine Bewegung, die mittlerweile so vielen Menschen Energie gibt – manchmal genau dann, wenn eigentlich keine mehr da ist.

Und jetzt? Jetzt stand er tatsächlich vor der Tür: der erste Triathlon. Ein Jahr nach diesem Gedanken auf dem Laufband. Und wenn ich ehrlich bin, war die Vorbereitung auf diesen ersten Triathlon nicht gerade das, was man als perfekte Vorbereitung bezeichnen würde. Wir kamen gerade aus Roth zurück. Eine Woche voller Emotionen. Vorbereitung, Stress, Frust, Freude, Verzweiflung. Alles irgendwie gleichzeitig. Und danach? Keine Zeit. Auch in den Wochen davor war nicht wirklich viel Raum für Training. Alles stand im Zeichen von Roth. Und genau deshalb begann die letzte Woche vor meinem ersten Triathlon mit ziemlich viel Respekt. Und mit Angst. Aber wer mich kennt, weiß vielleicht auch: Angst und Respekt können bei mir manchmal genau der Antrieb sein, den ich brauche.

Zwei Tage vor dem Triathlon kam dann auch endlich mein Triathlon-Aufsatz. Für einen Sprint-Triathlon wahrscheinlich ein kleines bisschen übertrieben. Aber ich liebe diesen Auftritt. Und ich liebe die Technik dahinter. Also musste das Ding natürlich mit. Was mich zu diesem Zeitpunkt allerdings wirklich traurig gemacht hat, waren die ganzen Absagen. Immer mehr Leute konnten nicht kommen. Ein Jahr hatte ich auf diesen Moment hingearbeitet und plötzlich sah es so aus, als würde am Ende kaum jemand zum Anfeuern da sein. Dachte ich. Ich hatte mich geirrt. Ihr wart da. Und das hat mich mehr bewegt, als ich in Worte fassen kann.

Am Freitag holte Lisa meine Startnummer ab. Samstag war Renntag. Also wurde am Freitag alles vorbereitet. TriSuit bedrucken – ja, wir haben noch keinen eigenen. Sachen packen. Überlegen, was fehlt. Energiezufuhr organisieren. Und irgendwie versuchen, den Kopf ruhig zu bekommen. Dabei war der Frust der letzten Wochen noch ziemlich präsent. Hipster-Unternehmen. Arroganz. Kapitalismus. All diese Dinge, die mich in den Wochen davor ziemlich beschäftigt hatten. Aber auch das sollte sich mit Roth verändern. Doch das ist eine andere Geschichte. Jetzt ging es erstmal um Hamburg.

Samstagmorgen. Auto voll. Und natürlich war auch unser neuer Lieblingsbegleiter dabei: der Bollerwagen. Wir machten uns auf den Weg nach Hamburg. Und dann kam morgens noch eine Überraschung. Lisa hatte einen Aufruf gestartet. Für Motivation. Für mich. Denn ganz ehrlich: Untrainiert in den ersten Triathlon zu starten und dann am Streckenrand „nur“ Lisa zu haben, wäre für mich eigentlich schon genug gewesen. Aber dieses „nur Lisa“ ist sowieso kompletter Quatsch. Denn Lisa am Streckenrand ist mehr als genug. Und dann wart ihr da. Danke. Danke für jede Nachricht. Für jeden Motivationsspruch. Für jedes Mitfiebern. Ihr habt keine Ahnung, wie sehr das geholfen hat.

Rad in die Wechselzone. Alles vorbereiten. Und dann stand ich da. Eine der ersten Personen auf der Strecke. Und plötzlich kam dieser Gedanke: „Was machst du hier eigentlich?“ Ich musste an Jürgen denken, den Fotografen aus Roth. Er hatte damals zu mir gesagt: „Sei vorsichtig. Das macht süchtig, wenn es dir gefällt. Aber wenn nicht, ist es auch nicht schlimm.“ Damals habe ich darüber gelacht. Jetzt stand ich alleine in der Wechselzone. In mich gekehrt. Und langsam kam die Vorfreude.

Okay. Jetzt geht es Richtung Start. Die pinke Badekappe wurde zu meiner persönlichen Ablenkung. Ein bisschen Rumblödeln. Ein bisschen Quatsch machen. „Was mache ich hier eigentlich?“ Lisa merkte trotzdem, wie angespannt und gleichzeitig voller Vorfreude ich war. Dann der letzte Kuss und ab in die Warm-up-Zone. Dort stand ein völlig überdrehter, auf Zucker gehypter Motivator und zwang uns erstmal zur Bewegung. Seine Ansage: Bloß nicht nach vorne in die erste Reihe. Natürlich stand ich kurze Zeit später genau dort. Erste Reihe. Mitten drin. Das Warm-up hat mich gefühlt schon fertig gemacht. Perfekt.

Dann ging es zum Start. Zur Alster. Zu Lisa sagte ich noch: „Ich warte, bis alle drin sind, und gehe ganz zum Schluss ins Wasser.“ Zack. Ich glaube, ich war der dritte oder vierte im Wasser. Hat ja super funktioniert. Der Sprung ins Wasser war dann der Moment, in dem die Realität endgültig angekommen ist. 20 Grad. Und plötzlich war ich hellwach. Jetzt war klar: Da musst du durch. Aufgeben war keine Option. Beim Reinspringen kam ich sogar auf dem Boden auf. Am Abend stellte Lisa dann fest, dass ich mir dabei wohl an etwas Scharfem die Zehen aufgerissen hatte. Bis dahin hatte ich davon nichts gemerkt. Adrenalin sei Dank.

Dann der Startschuss. Und los. Ich hatte mir vorher genau einen Plan gemacht: Nicht überpacen. Finde dein Tempo. Bleib bei dir. Beim Schwimmen hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, dass ich langsam bin. Ich kam nicht so richtig in meinen Rhythmus. Aber egal. Durchhalten. Irgendwann kam ich aus dem Wasser. Und das Wichtigste: Mir ging es gut.

Also ab in die Wechselzone. Und die Wechselzone in Hamburg ist gefühlt eine der längsten überhaupt. Rad finden. Schuhe an. Und los. Barfuß durch die Wechselzone zu laufen, fühlte sich ziemlich ungewohnt an. Aber dank meines Fokus hatte ich mein Rad schnell gefunden. Aufsitzen und Richtung Radstrecke. Und dann? Vollgas. Zwei Runden. Ohne zu überziehen. Und irgendwann kam dieses breite Grinsen. Dieses: „Alter, macht das Spaß!“ Wie geil ist das denn bitte? Ich fuhr die Radstrecke zu Ende und hatte eine richtig gute Zeit. Und plötzlich war da nur noch ein Gegner. Mein persönlicher Endgegner: das Laufen.

Laufschuhe an. Der Helm wurde gegen meine Roth-Laufmütze getauscht. Wie in Roth hatte ich mir außerdem ein Kühltuch für die Laufstrecke bereitgelegt. Die Zielflagge noch schnell in die Tasche und los. Es lief überraschend gut. Ich fand sofort meine Pace. Nur eine Sache war etwas irritierend: Ich hatte schon einen Kilometer hinter mir, bevor überhaupt der eigentliche Laufstart kam.

Was gleichzeitig irgendwie cool war. Denn genau hier hatte ich im September zuvor meinen ersten 5-Kilometer-Lauf gemacht. Und plötzlich stand ich hier. Ein Jahr später. Triathlon. Schon wieder dieser Moment, in dem ich dachte: Kann es wirklich sein, dass ich gleich Triathlet bin? Ein Ding, das ich mir selbst niemals wirklich zugetraut hätte.

Ich sagte mir: „Lauf, Fettie. Lauf.“ Bis auf die Person vor mir, die alle zehn Meter lossprintete, um danach wieder zu gehen, lief es richtig gut. Es war hart. Natürlich war es hart. Aber es fühlte sich nicht unmöglich an. Bis zum Wendepunkt lief alles. Die Stimmung war großartig. Und dann kam kurz vor dem Vier Jahreszeiten der Moment: Eine Sekunde Gehen. Nur eine Sekunde.

Und genau in diesem Moment schoss ein Soldat an mir vorbei. Aber nicht einfach vorbei. Er sprach mir Mut zu. Er sagte mir, dass er es großartig findet, was ich hier mache. Und plötzlich war die Motivation wieder da. Der letzte Kilometer. Jetzt geht’s nach Hause.

Letzte Kurve. Und dann sah ich sie. Lisa. Am Streckenrand. Anfeuernd. Da. Ich hatte mir vorher geschworen: Wenn Lisa dort steht, dann knutsche ich sie ab. Also habe ich genau das gemacht. Dieser Moment gehört uns. Und dann ging es weiter. Richtung Ziel.

„Ab ins Ziel, Fettie.“

„Gleich geschafft.“

„Jetzt sei stolz auf dich.“

„Freu dich.“

Und dann sah ich auf die Uhr.

11:03:33

Moment.

Was?

Ich bin unter 1:30 Stunden?!

Hä?!

Ich lief ins Ziel. Und ich war einfach nur stolz. Unglaublich stolz. Was für ein Gefühl. Was für ein Jahr. Was für eine Bewegung. Und was für eine Reise.

Ich war in diesem Moment so glücklich wie schon lange nicht mehr. Und dann musste ich an Jürgen denken.

Fuck. Er hatte recht.

Es macht süchtig.

Die Sucht ist geweckt.

Und der Wunsch nach mehr ist definitiv da.

Und wie war er nun, der erste Triathlon?

Geil. Einfach nur geil.

Aber wenn ich ehrlich bin, war der Triathlon selbst vielleicht gar nicht das Wichtigste. Das Wichtigste war der Weg dorthin. Dieser eine Gedanke auf dem Laufband. Der erste 5-Kilometer-Lauf. Die ersten Trainings. Die Zweifel. Die Rückschläge. Die verrückten Ideen. Die Gründung von Under a Rest. Die Menschen, die plötzlich Teil dieser Reise wurden. Lisa. ME/CFS. Die Motivation. Die Wut. Die Hoffnung. Roth. All die Menschen, die irgendwann gesagt haben: „Wir machen mit.“

Und jetzt stehe ich hier. Ein Jahr später. Und kann tatsächlich sagen:

Ich bin Triathlet.

Noch fühlt sich dieser Satz ziemlich surreal an. Aber er stimmt.

Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis aus diesem ganzen Jahr: Manchmal beginnt etwas Großes mit einem völlig bescheuerten Gedanken. Manchmal reicht ein einziger Moment, in dem man sich fragt:

„Warum eigentlich nicht?“

Und manchmal sollte man diesen Gedanken einfach verfolgen. Auch wenn andere dich für verrückt erklären.

Denn wenn ich auf dieses letzte Jahr zurückblicke, dann war jeder einzelne Schritt richtig.

Der Gedanke auf dem Laufband. Der erste Lauf. Jeder Kilometer. Jede Trainingseinheit. Jeder Rückschlag. Jede Träne. Jedes Lachen. Jeder Mensch, der dazugekommen ist. Und dieser eine Samstag in Hamburg.

Der erste Triathlon ist geschafft.

Aber das war nicht das Ende.

Jetzt geht es erst richtig los.

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