Der Geburtstag, der sich anders angefühlt hat.
Geburtstage waren irgendwie immer leicht.
Zumindest, wenn es um Lisa ging.
Ich wusste eigentlich immer, was passt. Es war nie dieses typische „Ich brauch noch schnell irgendwas“-Gefühl. Eher im Gegenteil – die Ideen kamen von selbst. Weil ich wusste, was sie fühlt, was sie mag, was gerade in ihr vorgeht. Dieses Jahr war das anders.
Und ich hab ziemlich lange gebraucht, mir das überhaupt einzugestehen.Ich hab geschoben. Tageweise. Wochenweise.
„Kommt schon noch.“ „Irgendwas fällt dir ein.“ Aber diesmal kam nichts. Und das war neu.
Vielleicht, weil sich gerade so viel verändert. Vielleicht, weil ich mir unsicher war, was ich ihr überhaupt zumuten kann. Nicht im negativen Sinne – sondern im echten Leben mit ME/CFS. Was geht? Was geht nicht? Was fühlt sich nach Geschenk an – und was am Ende nach Belastung?
Das macht plötzlich selbst schöne Ideen kompliziert. Und so saß ich irgendwann da, kurz vor knapp, und hatte… nichts. Also wirklich nichts. Das Einzige, was ich hatte, war ein Geschenk, das ich schon längst an ihre Familie „ausgelagert“ hatte. So ein bisschen nach dem Motto: wenigstens irgendwas Safe haben.
Aber für mich? Für uns? Für diesen Tag?
Leere.
Bis zu diesem einen Nebensatz.
Lisa hatte irgendwann – wirklich nebenbei – erwähnt, dass die Ausstellung Körperwelten gerade in Chemnitz ist. Nicht groß. Nicht geplant. Einfach so. Und plötzlich war da was.
Weil es gepasst hat. Zu ihrem aktuellen Wissensdurst. Zu diesem Interesse an Medizin, an Verstehen, an „was passiert eigentlich im Körper“. Und irgendwie auch zu den Dingen, die bei uns gerade entstehen.
Und dann kam dieser zweite Gedanke direkt hinterher: Chemnitz… und von da ist es ja nicht weit in die Tschechei. Und auf einmal war es wieder da – dieses Gefühl von „das sind wir“.
Weil wir das irgendwie immer so gemacht haben. Geburtstage im Ausland. Ein tolles Resturant und ein Abenteuer
London.
Harry Potter, Doctor Who, Sherlock und Sir Paul McCartney auf der Spur.
Ägypten.
Pyramiden und Tim Allen treffen.
Sizilien.
Pizza essen, natürlich Gluten Frei.
Paris.
Shoppen.
Teneriffa.
Mit dem Motorad höhenkrank auf dem Tide.
Usw.
Es war nie nur ein Geschenk. Es war immer ein Erlebnis. Eine Erinnerung, die bleibt.
Nur dieses Jahr hatte ich Angst, genau das falsch einzuschätzen. Am Ende wurde es dann doch wieder… wir. Kein großes, perfektes Geschenk. Sondern ein kleines Hinweisspiel.
So ein bisschen Chaos. So ein bisschen Herz. Aus voller Verzweifelung dann in die. nächste Stadt zu Müller… mittendrin: die neue Kraftklub-Platte. „Sterben in Karl-Marx-Stadt“. Jedes Jahr gab es von mir auch eine passende Vinyl, manchmal auch 2 oder wenn ich mich nicht entscheiden konnte auch 3 oder 4.
Das Zeichen was ich brauchte, in der guten alten Musikabteilung bei Müller. Der Hinweis, der alles zusammengehalten hat.
Ich wusste bis zur letzten Sekunde nicht, ob es „reicht“.
Ob es sich richtig anfühlt.
Ob ich diesmal vielleicht danebenliege.
Aber vielleicht ist genau das der Punkt gewesen.
Dass es dieses Jahr nicht leicht war.
Weil sich Dinge verändern.
Weil man vorsichtiger wird.
Weil man mehr nachdenkt als früher.
Und weil es am Ende nicht mehr darum geht, das perfekte Geschenk zu finden.
Sondern eins, das sich trotzdem nach uns anfühlt.

