A picturesque view of Quedlinburg's historic German architecture with a distant church.
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Was eine Wahl in einem auslösen kann

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Ein persönlicher Blick auf Heimat, Erinnerung, Familie und die Frage, ob man bleibt oder geht.

Als ich gestern die Wahlergebnisse aus Sachsen-Anhalt gesehen habe, dachte ich nicht zuerst an Parteien.

Ich dachte an meine Kindheit. Ich dachte an Merseburg. An meine Jugend. An Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin. An Musik, Freundschaften und die politischen Diskussionen, die damals oft viel größer waren, als sie für einen Jugendlichen eigentlich sein sollten. Und ich dachte an meinen Großonkel.
Ich bin Ende der 80er-Jahre geboren. Gebürtig komme ich aus Mecklenburg-Vorpommern, doch bereits als kleines Kind zog ich mit meiner Familie nach Merseburg. Dort bin ich aufgewachsen – bis ich mit 18 Jahren Sachsen-Anhalt verlassen habe.
Wenn ich heute auf diese Zeit zurückblicke, erinnere ich mich an eine Welt, die sich häufig sehr schwarz und weiß angefühlt hat.
Links oder rechts.

Dazwischen gab es wenig. Das betraf nicht nur Politik. Auch Musik, Kleidung und Freundeskreise waren damals häufig eine Frage der Zugehörigkeit. Ob Hip-Hop, Punk, Metal oder Indie – irgendwann wusste man, zu welcher Szene man gehörte. Und damit schien oft auch klar zu sein, auf welcher politischen Seite man stand.

Neutralität war schwierig. Schon früh wurde mir zu Hause ein Satz mitgegeben, der sich bis heute in meinem Kopf festgesetzt hat:

„Wenn du mal rechts wirst, fliegst du hier raus.“ Damals habe ich diesen Satz einfach angenommen. Heute denke ich anders darüber. Denn genau an diesem Punkt beginnt für mich die Frage, die mich seit der Wahl beschäftigt:

Was bedeutet politische Haltung eigentlich, wenn sie plötzlich die eigene Familie betrifft?

Der Moment, der mir eine Haltung gegeben hat

Mit ungefähr 14 Jahren gab es einen Moment, der meine politische Haltung nachhaltig geprägt hat.

Ich war mit Freunden im Computerclub „Wecker“ ;-). Dort erzählte Peter Gingold, ein jüdischer Widerstandskämpfer und Überlebender der NS-Verfolgung, von seinen Erfahrungen. Ich weiß noch heute, wie sehr mich das getroffen hat. Plötzlich war Geschichte nicht mehr etwas aus einem Schulbuch. Es waren Menschen. Es waren Schicksale. Es waren Familien, die auseinandergerissen wurden. Menschen, die verfolgt, eingesperrt und ermordet wurden. Menschen, die ihre Freiheit verloren, weil andere entschieden hatten, dass sie weniger wert seien. Für mich war das ein Wendepunkt. Ich habe mir damals geschworen, dass ich niemals in einer Gesellschaft leben möchte, in der so etwas wieder möglich wird. Dieser Gedanke ist geblieben. Und er hat mich durch meine Jugend begleitet.

Mein Großonkel

Noch stärker als jeder politische Unterricht hat mich allerdings eine Person geprägt: mein Großonkel. Er lebte in Hamburg und war für mich nicht einfach nur ein Verwandter. Er war Vorbild, Ratgeber und jemand, der mir gezeigt hat, dass man aus seinem Leben mehr machen kann, als einfach nur jeden Tag zur Arbeit zu gehen und irgendwie durchzukommen. Er hatte selbst eine Geschichte, die mich beeindruckt hat. Nach dem Krieg, löste er sich von seiner Familie und begann in Hamburg ein neues Leben. Er war in der Studentenbewegung aktiv, engagierte sich für Freiheit und Demokratie und war auch gewerkschaftlich in der IG Metall aktiv. Seine Generation hatte erlebt, was passiert, wenn Freiheit keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Er hat mir immer wieder vermittelt, dass viele Dinge, die für mich selbstverständlich waren, von anderen Menschen hart erkämpft wurden.

Mitbestimmung. Freiheit. Soziale Rechte. Demokratie.

Und vielleicht vor allem die Möglichkeit, selbst darüber zu entscheiden, was aus dem eigenen Leben werden soll. Er wollte nie, dass ich einfach nur eine Arbeitsbiene werde. Er wollte, dass ich meinen eigenen Weg gehe. Dass ich neugierig bleibe. Dass ich mich einmische. Dass ich mehr aus mir mache. Und genau deshalb ist er für mich bis heute eine der prägendsten Personen meines Lebens.

Dann kam Lisa

Mit 18 lernte ich Lisa kennen. Und mit ihr begann für mich ein neuer Abschnitt. Wir verließen Sachsen-Anhalt. Nicht, weil wir unsere Heimat nicht verstanden. Nicht, weil wir keine Perspektive hatten. Sondern weil wir neugierig waren.

Wir wollten raus. Wir wollten die Welt sehen. Menschen kennenlernen. Reisen. Erleben. Wir haben uns immer ein Stück weit als Weltbürger verstanden. Für mich war das Freiheit. Vielleicht auch eine Art Gegenentwurf zu der Tristesse und Perspektivlosigkeit, die ich in meiner Jugend teilweise erlebt hatte. Ich wollte nicht in einer Welt leben, die mir vorgibt, wo ich hingehöre. Ich wollte selbst entscheiden.

Und heute?

Heute sehe ich auf meine alte Heimat und habe das Gefühl, dass sie auseinanderbricht. Eine Region, in der ich aufgewachsen bin. Eine Region, in der ich mit Menschen über Toleranz, Freiheit und Sichtbarkeit diskutiert und gestritten habe. Eine Region, aus der viele Menschen weggegangen sind – aus Perspektivlosigkeit, aus Neugier, aus dem Wunsch nach einem anderen Leben. Und heute sehe ich dort politische Kräfte stark werden, gegen deren Weltbild ich mich schon als Jugendlicher entschieden habe. Das macht etwas mit mir. Besonders schwierig wird es, wenn Politik nicht mehr irgendwo draußen stattfindet. Wenn sie plötzlich am eigenen Küchentisch sitzt. Nahe Verwanndte sich politisch verändern. Wir haben früher unzählige politische Diskussionen geführt. Er war lange Zeit sehr stark links geprägt. Heute erlebe ich ihn zunehmend anders. Seine politische Haltung hat sich verändert. Auch durch sein persönliches Umfeld. Und irgendwann sagte er zu mir:

„Ich weiß nicht mehr, was ich wählen soll. Es kann durchaus sein, dass ich rechts wähle.“

Dieser Satz hat etwas in mir ausgelöst. Denn plötzlich stand ich genau vor dem Satz, den ich als Jugendlicher gelernt hatte:

„Wenn du rechts wirst, fliegst du raus.“

Und jetzt frage ich mich:

Würde ich diesen Satz heute tatsächlich umsetzen?
Würde ich meinem eigenen Verwanten vor die Tür zeigen?
Oder würde ich damit genau das reproduzieren, was ich eigentlich bekämpfen möchte?
Ausgrenzung.
Schwarz-Weiß-Denken.
Die Vorstellung, dass ein Mensch nur dann dazugehört, wenn er politisch genauso denkt wie ich.
Ich habe darauf noch keine einfache Antwort.
Aber vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis.

Bleiben oder gehen?

Seit der Wahl beschäftigt mich deshalb noch eine ganz andere Frage. Was passiert, wenn sich dieses Land weiter verändert? Bleibt man? Oder geht man? Viele Menschen denken inzwischen darüber nach, Deutschland zu verlassen, sollte sich eine rechtsextreme oder autoritäre Struktur irgendwann weiter verfestigen. Auch Lisa und ich haben darüber gesprochen. Aber für uns ist diese Frage nicht einfach. Da ist Lisa.
Da ist ihr Leben.
Da ist unsere gemeinsame Geschichte.
Da ist unsere Arbeit.
Und da ist Under a Rest.

Wir haben diesen Verein nicht gegründet, weil wir ein bequemes Hobby gesucht haben.
Wir haben ihn gegründet, weil Menschen Unterstützung brauchen, die selbst nicht mehr die Kraft haben, laut zu sein.

Menschen mit ME/CFS. Menschen, die unsichtbar geworden sind. Menschen, die in einer Gesellschaft ohnehin Gefahr laufen, übersehen zu werden. Und genau deshalb frage ich mich:

Können wir einfach gehen?

Kann ich einen Ort verlassen, weil es politisch schwieriger wird? Oder bedeutet Weggehen irgendwann auch, den Raum denjenigen zu überlassen, die ihn verändern wollen?

Wegschauen, weglaufen oder reinhalten?

Das sind Fragen, die Lisa und ich uns in den vergangenen Wochen immer wieder gestellt haben.
Hinschauen oder wegschauen?
Bleiben oder gehen?
Weglaufen oder reinhalten?

Ich habe lange darüber nachgedacht und mit Lisa auch in gesprächen verbal gerungen. Und inzwischen glaube ich, dass meine Entscheidung gefallen ist. Ich werde nicht weglaufen. Nicht, weil ich glaube, dass alles gut wird. Nicht, weil ich keine Angst habe. Und auch nicht, weil ich glaube, dass man jede politische Entwicklung einfach aussitzen kann. Sondern weil ich mich an das erinnere, was mir mein Großonkel mitgegeben hat und auch Lisas Stimme der Vernunft.

Freiheit ist nichts, das einfach da ist. Sie wurde erkämpft. Sie wurde verteidigt. Und sie kann auch wieder verloren gehen. Deshalb möchte ich nicht derjenige sein, der irgendwann sagt: „Ich habe es kommen sehen, aber ich bin gegangen.“ Ich möchte lieber sagen können: Ich bin geblieben.

Ich möchte widersprechen, wenn Menschen ausgegrenzt werden.
Ich möchte laut werden, wenn andere keine Stimme mehr haben.
Ich möchte für Freiheit eintreten, ohne selbst diejenigen auszugrenzen, die anders denken.
Und ich möchte daran glauben, dass eine Gesellschaft mehr sein kann als links oder rechts.
Mehr als schwarz oder weiß.
Mehr als Freund oder Feind.
Denn genau dieses Denken hat mich in meiner Jugend geprägt.
Und genau davon möchte ich mich heute unterscheiden.

Vielleicht ist das meine eigentliche Antwort

Ich weiß nicht, wie Sachsen-Anhalt in zehn Jahren aussehen wird.
Ich weiß nicht, wie Deutschland in zehn Jahren aussehen wird.
Ich weiß auch nicht, ob meine Entscheidung irgendwann schwerer werden wird.
Aber ich weiß, woher ich komme.
Ich weiß, wer mich geprägt hat.
Ich weiß, warum ich an Freiheit glaube.
Und ich weiß, warum Under a Rest existiert
Vielleicht ist es deshalb gar nicht die Frage, ob man bleibt oder geht.
Vielleicht ist die wichtigere Frage:

Wofür entscheidet man sich, solange man noch die Möglichkeit dazu hat?

Ich habe mich entschieden.
Für Freiheit.
Für Menschlichkeit.
Für Toleranz.
Für Vielfallt.
Für Demokratie.
Und vor allem dafür, nicht wegzusehen.

Nicht, weil ich glaube, dass ich die Welt verändern kann. Sondern weil ich glaube, dass man manchmal einfach anfangen muss, seinen kleinen Teil der Welt zu verteidigen. Und vielleicht ist genau das die größte Lektion, die mein Großonkel mir hinterlassen hat:

Wenn du an etwas glaubst, dann lauf nicht weg, nur weil es schwierig wird. Bleib. Steh auf. Und halte dagegen.

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